Der Asteroid

Thomas Heitlinger (c) 2021


Wie an einem imaginären Faden aufgehängt, näherte sich die Sonde fast in Zeitlupe dem Riesenungetüm eines Asteroiden. Sie breitete ihre sechs Beine aus und der autonome Navigationscomputer begann, nach einem optimalen Landeplatz Ausschau zu halten. Die runden, tapsigen, pfannenartigen Panels waren eigentlich völlig ungeeignet für die Landung auf einem so unebenen felsigen Grund. Aber nachdem dieser Riese von einem Asteroid über Nacht aus dem Nichts auf den Bildschirmen der Weltraumüberwachung der nationalen Forschungseinrichtungen erschienen war, blieb keine Zeit mehr, eine Apparatur eigens für diesen Zweck zu konstruieren. Stattdessen hatte man in der Kürze auf eine bereits vorhandene Mondsonde zurückgegriffen und diese geringfügig modifiziert.


Im Kontrollzentrum verfolgte die Mannschaft mit gespanntem Schweigen den Weg der kleinen Sonde. Man hatte ihr den Namen ’David’ gegeben und den Asteroiden auf ’Goliath’ getauft. David bewegte sich langsam, aber bestimmt auf das Monstrum zu, um in den Landevorgang überzuleiten. Der Navigationscomputer begann, die noch verbleibende Entfernung herunterzuzählen: 1000 Fuß, 800 Fuß, 600 Fuß, 400 Fuß .... Goliath kam immer näher und David raste auf ihn zu.


Knapp fünf Meter vor Ground Zero schoss der Fanghaken aus der Unterseite auf Goliath zu. Dieser Haken war an einer Winde befestigt und sollte verhindern, dass bei einer missglückten Landung die Sonde durch die kinetische Energie wieder zurück ins Weltall geschleudert würde. Doch ... was war das? Der Haken durchschlug die Oberfläche wie ein Löffel ein hart gekochtes Ei! Gnadenlos tief drang er in Goliath ein. Von der Wucht des Einschlags mitgezogen durchdrang die Sonde ebenfalls die Schale. Kurz darauf brach die Verbindung zu David ab. Nur das Bild von Goliath auf den Überwachungsschirmen blieb erhalten.

Und dieser Goliath war auf direktem Kollisionskurs mit der Mutter Erde.


„Ich habe nur um eine Stunde gebeten“, seufzte Marne verzweifelt, „eine Stunde zur Analyse des Materials, aus dem das Ding besteht. Vielleicht wäre es danach möglich, seine Herkunft zu ermitteln!“

Sie vermied es tunlichst, den Asteroiden bei seinem Namen zu nennen. „Vergessen Sie’s, ich habe Ihnen eine halbe Stunde eingeräumt, das muss reichen. Und davon sind“, der Commander feixte gehässig, „bereits fünf Minuten abgelaufen. Wir sind längst im Anflug, Kindchen.“ Und tatsächlich hatten die Navigationssensoren, der mit doppelter Sprengkraft bestückten Minuteman-Rakete unter der jungfräulich weißen Raketenspitze, den Asteroiden erfasst und ins Visier genommen.


Die nächsten 20 Minuten vergingen wieder in angespannter Stille. Der Aufprall der Sonde hatte Goliath, ein im Übrigen unförmiges, großes Etwas im All, eine leichte Rotation versetzt, ohne jedoch Richtung oder Geschwindigkeit  zu verändern. Wie vor 70 Millionen Jahren raste ein ungefähr zwanzig mal zwanzig Kilometer großes unförmiges Objekt mit hoher Geschwindigkeit durch Zeit und Raum auf direktem Kollisionskurs zur Erde. Und zu den katastrophalen Folgen, die ein Einschlag haben würde, war wenig Fantasie erforderlich, zumal die Wissenschaftler seinen historischen Vorgänger der Schuld am Aussterben der Dinosaurier bezichtigten. Eine neue Zeitrechnung war damals mit dem Übergang von der Kreide zum Paläogen eingeleitet worden. Unvorstellbar, was dieses Mal an Zerstörung zu erwarten war.


„Ich habe ein Signal von der Sonde!“, rief Marne aufgeregt. „Unglaublich, unfassbar! Auf dem Asteroiden gibt es organische Verbindungen! Das Ding da draußen lebt!“ Eine murmelnde Welle der Überraschung lief durch den Kontrollraum.  Entsetzen schwang in Marnes Stimme, als sie rief „Commander, wir haben extraterrestrisches Leben! Stoppen Sie die Rakete! Sofort! Stoppen Sie sie!“


„Jetzt werden Sie sehen, wie man das richtig macht!“, protzte der Commander. Alle hielten den Atem an, als die Rakete auf den Asteroiden zuraste. In einer Entfernung von vier Kilometern vom Objekt sollte die Explosion mit der Gewalt von zehn Wasserstoffbomben erfolgen, um den Goliath in handliche Bestandteile zu zerlegen. Doch ... nichts dergleichen geschah! Kein Atomblitz! Überhaupt nichts! Goliath raste ungebremst direkt auf David zu!


Statt eines stürmischen Applaus’ machte sich gespenstische Stille breit. Selbst der Commander schwieg. Man hörte atmen. „Da!“, ein greller Schrei Marnes zerriss die Stimmung. „Da! Ich bekomme weitere Daten! Unglaublich! Das Ding da draußen lebt wirklich!“


Im gleichen Augenblick explodierte die tödliche Ladung! Zerriss ähnlich einem Höllenfeuer gleichzeitig Goliath und David! Zerfetzte beide in ihre atomaren Bestandteile. Und obwohl die Explosion weit außerhalb des Weltalls stattgefunden hatte, war der Lichtblitz auf der erdzugewandten Seite deutlich zu erkennen. Jener Blitz, von dem jeder, der ihn miterlebt hatte, seinen Kindern und seinen Kindeskindern davon erzählte, diese wieder ihren Kindern  und so weiter. Jener Blitz, der die Menschheit im letzten Augenblick vor ihrer vollständigen Vernichtung bewahrt hat.


Die Spannung im Kontrollraum ließ langsam nach und irgendwann später trat fast wieder so etwas wie Alltag ein. Nicht nur hier, auch draußen, auf der ganzen Welt, wo dieses Geschehen kurzfristig zum Erliegen des Wirtschaftsflusses geführt hatte, Kriege unterbrochen worden waren und das gesellschaftliche Leben zum Erliegen gekommen war, lief alles wieder langsam an.  

„Ich werde dafür sorgen, dass niemand davon Kenntnis erhält“, erklärte der Commander scharf. Marne versuchte zu widersprechen. Doch er sah sie streng an und seufzte tief. „Löschen Sie sofort die Daten! Seien Sie lieber froh, dass wir alle so gut davongekommen sind!“


*

Ula-Ra, Betreiber eines privaten Fährdienstes zwischen Milchstraße und Andromeda-Nebel, bekam zur gleichen Stunde, wenn dieser Begriff der übergalaktischen Zeitrechnung überhaupt passen würde – also sagen wir:  in jenem für die Menschheitsgeschichte so bedeutenden Zeitabschnitt - Post vom universalen Büro des Ordnungsamtes für allgemeine Angelegenheiten.


Bereits zum wiederholten, konkret zum zweiten Male, wurde ihm vorgeworfen, er habe auf seiner Verbindung illegal den Inhalt der Bordtoilette im All entsorgt. Nun war der Flug zwischen Milchstraße und Andromeda eine langwierige Angelegenheit und im Vergleich zur fachgerechten Entsorgung von Sondermüll war die ihm in Rechnung gestellte Ordnungs-widrigkeit eine Bagatelle. Zudem erhöhten die lizenzierten Entsorgungsunternehmen ständig die Preise; ein weiteres Ärgernis.


Nun aber drohte ihm das Amt bei erneuter Wiederholung mit Entzug der Fährlizenz. Das war eine ernste Angelegenheit.


Ula-Ra knüllte ärgerlich den Brief zusammen und warf ihn wütend in die Ecke. Mit Grauen erinnerte er sich an den Inhalt des Tanks, halb- und vollständig Verdautes war darin geschwommen. Was wohl passieren würde, wenn dieses Zeug auf fruchtbaren Boden fiele?