Das Maul

© Thomas Heitlinger  2021

Moritz lag in seiner Zelle auf der Pritsche und dachte nach, während durch das vergitterte Fenster die Strahlen der untergehenden Sonne fielen.


Nochmals versuchte er, sich das Vergangene in Erinnerung zu rufen. Begonnen hatte alles, als er mit seiner Freundin in diese gottverdammte Stadt gezogen war. Er hatte eine Stelle bei einer internationalen Firma angenommen, die ihm neben einem doppelten Gehalt umfangreiche Nebenleistungen angeboten hatte. Ruth war mit dem Wohnortwechsel schnell einverstanden gewesen. „Öfter mal was Neues“, hatte sie gesagt, als der Brief mit der Zusage des Unternehmens eingetroffen war. Kurzerhand lösten sie ihre erste gemeinsame Wohnung auf, nahmen Abschied von ihrer alten Heimat und zogen in die beinahe 600 Kilometer entfernte Stadt.


Zunächst erwarben sie einen Stadtplan und fanden mit Hilfe eines Tankwartes eine kleine Pension, in der sie die ersten Tage verlebten. Die Menschen, mit denen sie in Kontakt traten, waren freundlich und hilfsbereit. Ein ruhiges und aufgeräumtes Gasthaus lag in unmittelbarer Nähe, so dass die ersten Tage denen einer gemütlichen Eroberung glichen. Bald hatte sie damit begonnen, eine Wohnung zu suchen. Diese Aufgabe hatte er ihr übertragen, zumal seine Arbeitszeiten keine Betätigung zu den hierfür erforderlichen Tageszeiten zuließen. Außerdem war es ihm eigentlich egal, ob er nun in der ruhigen Vorstadt oder in der hektischen City wohnen würde.


Allerdings erwies sich die Suche schwieriger als angenommen. Das Angebot an preiswertem Wohnraum war knapp und Ruth war wählerisch. So war Moritz völlig überrascht, als sie ihn zur Mittagszeit im Büro anrief. Sie habe ein kleines Haus gefunden, nett gelegen und zu einem äußerst günstigen Preis. Zwar ein etwas älteres Baujahr, aber ... immerhin. Selbst ein Besichtigungstermin für heute sei mit dem Vermieter bereits vereinbart.


Zum vereinbarten Zeitpunkt traf er unter der angegebenen Adresse ein. Das Stadtviertel stammte noch aus der Zeit vor dem Krieg, ein Umstand, der leicht an der großen Anzahl alter Häuser abzulesen war. Das Häuschen, an dem man sich treffen wollte, fand er sofort. Ruth wartete bereits mit einem älteren Herrn vor der Tür. Nach einer kurzen Begrüßung gelangten sie durch einen kleinen Vorgarten zur Tür und traten ein.


Es war ein eigenartiges Gefühl, das Moritz unmittelbar befiel – nicht definierbar. Aber es war da. Nun, Ruth gefiel das Haus allerdings auf Anhieb. Also wischte er diese Empfindung weg, schließlich hatte er keinen konkreten Einwand, zumal man sich mit dem Besitzer des Hauses schnell über alle Modalitäten einigte, auch darüber, dass das Haus einer gründlichen Renovierung bedürfe, die nach kurzer Diskussion durch den Eigentümer durchgeführt und getragen werden sollte.


So zogen sie wenige Tage später aus der Pension in ihr neues Heim. Tatsächlich dauerte es sehr lange, bis sich aus dem Altbau ein gemütliches Heim entwickelte. Einige Wochen vergingen, an denen verschiedene Handwerker ein- und aus gingen. Aber nach und nach verwandelte sich das Häuschen in ein gemütliches Schmuckstück, wenngleich auch damit zu rechnen war, dass bei einem solch alten Haus ständig irgendwelche Arbeiten anfallen würden. Ruth gab sich alle Mühe, zauberte aus den hohen Räumen des Hauses Refugien, in denen es sich wohl leben ließ, insbesondere bot der offene Wohnzimmerkamin die Aussicht auf gemütliche Herbstabende mit Tee bei knisterndem Feuer.


Alles schien in Ordnung bis zu jenem Zeitpunkt, als Ruth ihn eines Tages darauf aufmerksam machte, dass in der Toilette, einem kleinen Kämmerlein mit Waschbecken, offenbar ein Wasserrohr leckte, das zu Schimmelbildung an der Wand führte. Anstatt den Installateur zu rufen, nahm er den Hinweis gelassen zur Kenntnis. Handwerkliche Betätigung war nie seine Passion gewesen und so beschränkte sich Moritz darauf, die fragliche Wand an einem Samstag mit Essig abzureiben, wobei er den Schimmel ohnehin als eine Einbildung von Ruth betrachtete.


Kurze Zeit später fuhren die beiden in Urlaub, nicht ahnend, dass es ihr letzter sein sollte. Die Reise führte in den Süden, aus dem sie gut erholt und braun gebrannt nach einigen Wochen zurückkehrten.

Während er den überquellenden Briefkasten leerte und die Post nach Wichtigem und Unwichtigem sortierte, öffnete Ruth die Rollläden, durch die neugierig die Sonne blinzelte.


Ein plötzlicher Aufschrei von Ruth ließ ihn zunächst kurz erstarren. Aber dieser Schrei war  dermaßen schrill und anhaltend, dass er sich sogleich aus der Erstarrung löste und entsetzt aufsprang. Was war denn nur geschehen? „Ruth!“, rief er. Immer wieder „Ruth!, Ruth! Wo bist du denn?“ Sie schien vom Erdboden verschluckt zu sein. Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer ... nirgends! Keine Antwort! Da sah er die geschlossene Toilettentür! Er riss sie auf und ... da saß sie: Kauernd auf dem Boden, die Arme fest um die Knie geschlungen, die Augen angstvoll aufgerissen. Als er sie umarmen wollte, wehrte sie ihn mit heftigen Gesten ab, als habe sie Angst. Stockend stolperten die Worte aus ihrem Mund „Es, es war wie ... wie ein großes, … ein ganz riesiges Maul“, stammelte sie und deutete mit einem Arm auf den offensichtlich größer gewordenen Schimmelansatz, der sich neben dem Waschbecken kreisförmig zur Decke zog.


Es dauerte, bis er Ruth beruhigt hatte. Er versuchte, die ganze Angelegenheit auf die humorvolle Schiene zu bringen „Ach Schatz, deine Phantasie ..., ich liebe sie!“ Der Erfolg war mäßig, aber Moritz versicherte ihr: „Schatz, diese Flecken an der Wand kommen garantiert von einem gebrochenen Wasserrohr. Ich entferne sie nachher mit einem Reinigungsmittel und außerdem mache ich noch heute einen Termin mit dem Installateur aus.“ Damit schien für ihn die Sache zunächst erledigt – so richtig ernst konnte er es allerdings nicht nehmen. Dennoch begann Moritz, sich irgendwie Sorgen um Ruth zu machen.


Die Terminvereinbarung mit dem Installateur war vertrackt. An diesem Tag kam er nicht mehr dazu, sein Versprechen einzulösen. Auch am nächsten und übernächsten Tag hatte er einfach keine Zeit für solche ’Lappalien’ . Und auch Ruth war viel zu beschäftigt, so dass sie nicht dazu kam, sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Obwohl sie sich beide jeden Abend beim Essen felsenfest versprachen, bis zum nächsten Tag für eine Lösung zu sorgen und den Vermieter zu bitten, einen Installateur zu beauftragen.


Und so kam es, dass das Unvermeidbare eintrat! Ruth hielt sich in der Toilette auf, als er im Wohnzimmer ein Geräusch vernahm, das im Entferntesten an ein Schlucken und Schmatzen erinnerte. Unruhig erhob er sich und horchte. „Ruth!“, rief er besorgt, „Ruth?“ Nichts! Kein Laut war zu hören. Mit bangem Gefühl eilte er zur Toilette, wo er das schmatzende Geräusch zu vernehmen glaubte. „Ruth!, Ruth!“, rief er immer wieder. Nichts! Die Türe war diesmal verschlossen – er trommelte dagegen. Nichts! Trat kräftig gegen das Holz – erfolglos! In seiner Verzweiflung holte er kurzentschlossen das Brecheisen aus dem Werkzeugregal – die Angst verlieh ihm Bärenkräfte. Mit einem hässlichen Krachen barst das Holz und ... ein Bild des Grauens bot sich ihm! Moritz krallte seine Finger an den Türrahmen, um nicht umzufallen ... von Ruth keine Spur! Hingegen ließ das, was er sah, das Blut in seinen Adern erstarren: Sämtliche unverdaulichen Teile lagen umher: Kleidungsstücke, der Ring, ihre Uhr, ihre Schuhe ... wie hingespuckt lag alles herum! Das Ding an der Wand, der schwarze Kreis, gebildet aus winzigen Schimmelpilzen, schien größer geworden zu sein, aber er hätte es nicht beschwören können, und er spürte, dass er dem Wahnsinn ein Stück näher gerückt war. „Unfassbar, einfach unfassbar“, murmelte er tonlos, dann wurde ihm schwarz vor Augen.


Die Fragen der Polizei konnte er nicht beantworten. Immer und immer wieder wurde er gefragt, wohin er Ruth verschleppt, wo er sie vergraben, verbrannt oder gar zerstückelt habe. Seine Erklärungen schienen nicht glaubwürdig zu sein, zumindest glaubte keiner der ihn vernehmenden Polizisten ernsthaft an seine Theorie. Ein vorläufiges psychiatrisches Gutachten stellte keinerlei nennenswerte Besonderheiten fest, so dass angeordnet wurde, ihn in eine ganz normale Zelle zu sperren, bis die Angelegenheit geklärt sei.


Und nun lag Moritz in dieser ‘seiner‘ Zelle auf der Pritsche und dachte nach. Er begann, an sich selbst zu zweifeln – war er vielleicht doch ... ? Aber Ruth – wo war sie?  Die Eintönigkeit dieser Zelle trug zu den Selbstzweifeln bei. Der Raum war stickig, eng und enthielt lediglich eine Pritsche, Toilette und ein Waschbecken. Wenn die Sonnenstrahlen auf das Waschbecken fielen, sah er, dass sich neben dem Waschbecken ein schwarzer Schimmelfilm gebildet hatte. Offenbar war ein Wasserrohr gebrochen? Da erkannte er plötzlich, dass sich dieser Schimmel in einer seltsamen, schrecklichen Form ausbreitete. Das konnte doch nicht sein! Oder doch ...? Er spürte, wie sein Puls immer heftiger und sein Mund trocken wurde. Panisch schnellte er hoch, hörte sich mit  kreischender Stimme schreien „Nein! Nein!“, kaum an der Zellentüre schlug er wie wahnsinnig dagegen und brüllte aus Leibeskräften nach den Wärtern.


Die Wärter waren wenige Minuten später zur Stelle. Mit vereinten Kräften drängten sie den Tobenden von der Tür, und einer zog eine vorbereitete Injektionsspritze aus der Tasche. „Das wird Ihnen guttun“, sagte der Wärter besänftigend, während er die Spritze in seine Ader drückte.


Das Beruhigungsmittel wirkte umgehend. Er wurde auf der Stelle müde, nahm noch halb wach wahr, wie die Wärter aus der Tür traten und sie hinter sich schlossen. Der Schlüssel ratschte im Schloss. Im Halbschlaf blickte Moritz zum Waschbecken. Dort sah er ... das Maul! Solch ein großes Maul hatte er noch nie gesehen.


Ein riesiges Maul, das die Zähne bleckte und in grenzenlosem Appetit grinste.