Sofort ins Büro!.


Das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung war Mr. Knickers. „Kommen Sie bitte sofort in mein Büro“, sagte er. Noch bevor ich Gelegenheit hatte, Mr. Knickers zu antworten, hatte dieser schon wieder aufgelegt. Mr. Knickers duldete keine Rückfragen. Rief er in sein Büro, so hatte dies unverzüglich und ohne Verzögerung zu erfolgen. Wer dieses ungeschriebene Gesetz nicht befolgte, musste damit rechnen, bei einer anstehenden Lohnerhöhung nicht berücksichtigt zu werden oder sogar die fristlose Kündigung zu erhalten. Mr. Knickers kannte keine Gnade. Mr. Knickers war der Chef der Firma.


Um zu seinem Büro zu gelangen, musste man das Vorzimmer passieren. Im Vorzimmer residierte Miss Grisson. Als ich eintrat, war sie gerade dabei, ihre rotlackierten Fingernägel zu maniküren. „Haben Sie einen Termin bei Mr. Knickers?“, fragte sie, ohne aufzublicken. „Mr. Knickers erwartet mich“, entgegnete ich selbstsicher. Sie blickte empört auf. Ein böser Blick aus mit Lidschatten betonten Augen traf mich, ohne jedoch eine Wirkung zu hinterlassen. Miss Grisson mochte es nicht, wenn sie von Mr. Knickers übergangen wurde.


Ich betrat Mr. Knickers’ Refugium. Sein Büro war äußerst ungewöhnlich eingerichtet. Beim Eintreten fiel der Blick unweigerlich auf ein in Öl gemaltes Portrait von Mr. Knickers Senior, dessen Geist nach wie vor deutlich spürbar über der Firma schwebte und der stolz, streng und unerbittlich von der Wand auf alle herabsah.


Mr. Knickers selbst saß erhöht auf einer Art Bühne an einem Mahagoni-Schreibtisch, wodurch seine Besucher genötigt waren, zu ihm aufzuschauen. Auf der linken Seite des Tisches stand ein gerahmtes Foto seiner Familie, auf der rechten Seite ein auf Hochglanz poliertes metallenes Zylindermodell, dessen Großausgabe die Firma in Lizenz herstellte und in alle Welt vertrieb.


Auf einem Computertisch blinkte ein überdimensionaler Monitor, auf dem in bunten Balken die Entwicklung der Firma graphisch dargestellt war. Vor diesem Bildschirm thronte Mr. Knickers und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass diese kleine, dicke, kahlköpfige Person ein besonders hässliches Exemplar der Gattung Mensch war.


„Wo bleiben Sie denn?“, fuhr er mich ohne Umschweife an. „Ich warte schon seit Minuten!“ Ohne ein weiteres Wort von ihm wusste ich, dass Mr. Knickers außerordentlich schlechter Laune war. In solchen Fällen war es geboten, eine möglichst demütige Haltung einzunehmen und Mr. Knickers’ herabwürdigende und beleidigende Bemerkungen gelassen zu ertragen.


Misslang dieses Unterfangen, dann war ein plötzlicher Wutausbruch von Mr. Knickers unvermeidlich. Nichts hasste er so sehr wie Widerspruch, Rechtfertigungen oder Einwände. In dieser gereizten Stimmung hatte schon so manche unvorsichtige Bemerkung zum sofortigen Hinauswurf aus der Firma geführt.


Heute sollte jedoch alles anders sein. Anstatt mit gesenktem Kopf vor Mr. Knickers’ Schreibtisch zu verharren, sah ich ihm tief in die Augen. Schon diese Art von Widerstand hatte bei Kollegen ausgereicht, die Firma verlassen zu müssen.


„Sehen Sie mich nicht so an“, zischte Mr. Knickers, wobei er mich keine Sekunde aus den Augen ließ. Doch ich dachte nicht daran, ihm diesen Gefallen zu tun. Ohne den Blick von ihm zu wenden, trat ich noch dichter an ihn heran. „Bleiben Sie, wo Sie sind, Sie Armleuchter!“, schnauzte er mich an. Doch ich ließ mich nicht beirren. Schon stand ich nahe bei ihm, während er mich mit bösem Blick musterte. Seine Miene verfinsterte sich zusehends. Bevor er sich von seinem gepolsterten Sessel erheben konnte, packte ich ihn mit festem Griff an seiner Krawatte und zog ihn in meine Richtung.


Fassungslos versuchte er mich mit seinen kurzen Armen abzuwehren. „Damit haben Sie nicht gerechnet!“, rief ich. Mr. Knickers’ Kopf war hochrot geworden und drohte zu bersten.


„Sie sind fristlos entlassen“, zischte er, während blinde Wut aus seinen Augen sprühte. „Verlassen Sie sofort mein Büro!“ „Ich denke nicht daran, Mr. Knickers“, entgegnete ich kühl. „Erst wird abgerechnet. Oder glauben Sie etwa, Ihre ewigen Beleidigungen würden ungesühnt bleiben? Die endlosen Schikanen seit vielen Jahren. Die unzähligen überflüssigen Überstunden, zu denen Sie mich gezwungen haben. Die stumpfsinnigen Arbeiten, die niemand tun wollte und die Sie auf mich abwälzten. Davon, dass Sie mich wie einen Idioten behandelt haben, wollen wir jetzt gar nicht sprechen. Nein, Mr. Knickers. Damit ist jetzt Schluss!“


„Sie sind verrückt“, schrie Mr. Knickers und unternahm einen weiteren Versuch, sich aus dem Sessel zu erheben. Er kochte vor Wut. In einem Anfall von Raserei nahm er all seine Kraft zusammen und befreite sich so vehement aus meiner Umklammerung, dass der Sessel mit lautem Poltern umfiel. Außer sich vor Zorn wollte er sich auf mich stürzen. Es schien einen Augenblick lang so, als würde ich in die Defensive geraten.


Schon schlossen sich seine Hände um meinen Hals. Verzweifelt griff ich hinter mich und ertastete das Zylindermodell auf dem Schreibtisch. Ohne zu zögern holte ich aus und schmetterte das schwere gusseiserne Modell mit aller Wucht auf Mr. Knickers’ Schädel. Sofort lockerte sich der Griff um meinen Hals. Mr. Knickers sah mich aus blutunterlaufenen Augen fragend an. Jetzt oder nie, dachte ich und holte erneut aus. Das Geräusch des auftreffenden Sockels erinnerte mich an den Klang, wenn ein Ei aufgeschlagen wird. Mr. Knickers Augen starrten ungläubig, während er in sich zusammensackte. Mit einem dumpfen Schlag fiel er reglos zu Boden. Mr. Knickers Senior blickte zufrieden aus seinem Bilderrahmen, als habe er schon seit Jahren auf diesen Augenblick gewartet.


Vom Lärm aufgeschreckt öffnete Miss Grisson die schwere Bürotür. „Haben Sie gerufen?“, fragte sie und schlug im nächsten Moment entsetzt die Hände vor den Mund, während sie auf den leblosen Mr. Knickers zustürmte.


Tränenüberströmt beugte sie sich über ihn. Als sie sein blutverschmiertes Gesicht sah, stieß sie einen kurzen, schrillen Schrei aus. „Sie haben ihn ermordet!“, kreischte sie. Alle Indizien sprachen gegen mich, zumal ich immer noch den blutigen Modellzylinder in der Hand hielt. Miss Grisson rang, am ganzen Körper zitternd, um Fassung. Sie griff nach dem Telefonhörer, um die Polizei zu rufen.


Es gab für mich nur eine Möglichkeit. Ich musste handeln. Der Modellzylinder erreichte in einer Art Kurve seinen Höhepunkt und  beschleunigte noch, um anschließend präzise Miss Grissons Schädel zu treffen. Schon nach dem ersten Schlag sank sie mit einem lauten Seufzen zu Boden. Sie würde nie wieder fiese Gerüchte über mich verbreiten. Eine plötzliche Stille füllte den Raum. Miss Grisson glotzte mit weit aufgerissenen Augen zu Mr. Knickers hinüber, der ihren Blick nicht mehr erwidern konnte.  


Der Modellzylinder, obwohl nicht für derartige Zwecke geschaffen, hatte Wirkung gezeigt.


Das Telefon klingelte. Widerwillig legte ich den Datenhandschuh und den Datenhelm ab. Am Apparat war Miss Grisson. „Kommen Sie sofort zu Mr. Knickers“, sagte sie in drohendem Ton. „Er wünscht Sie auf der Stelle zu sehen!“


Ich legte auf, verließ den Cyberspace und beendete das Virtual-Reality-Programm auf dem PC. Eine sehr entspannende Spielerei!


Mühsam erhob ich mich aus meinem Stuhl, verließ mein Büro und schlurfte durch das Vorzimmer von Miss Grisson zu Mr. Knickers.

„Warum trödeln Sie denn so lange herum?“, fuhr er mich an. „Ich warte schon seit Minuten.“ Ohne ein weiteres Wort von ihm wusste ich, dass Mr. Knickers außerordentlich schlechter Laune war, und näherte mich mit gesenktem Kopf seinem Schreibtisch.


Die Wirklichkeit kann so grausam sein!