Mutatis mutandis

 

Vorsichtig schlug Amant, Kosmoastronaut der 2. interstellaren Flotte, die Augen auf, doch die Helligkeit des Sonnenlichts, das durch ein Fenster hereinflutete, blendete ihn. Er stellte fest, dass er in einem Bett lag. Ringsum war alles in einem glänzenden Weiß gehalten. War dies etwa der Himmel?


Der Gedanke war allerdings so absurd, dass er keinesfalls der Realität entsprechen konnte. Aber wo war er dann? Er versuchte, sich zu erinnern. Doch sein Gedächtnis war leer. So leer und farblos wie dieses Zimmer. Und dann kehrte allmählich seine Erinnerung zurück.


Die Havarie, natürlich! Der Brand in den beiden Haupttriebwerken, der dazu geführt hatte, dass die Notsysteme den vorderen Teil des Raumschiffs ‒ der den Steuerraum einschloss ‒ von dem irreversibel beschädigten Rumpf des Frachters abtrennten. Die ungeheure Beschleunigung, als dieser plötzlich und unerwartet explodierte und alle ihn umgebenden Teile, einschließlich der Rettungskapsel, mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in die unendlichen Weiten des Weltalls katapultierte.


Ja, so war es gewesen. Danach dann das Treiben der Kapsel in der Dunkelheit. Ein Blick aus dem Bullauge hatte ihm genügt, um die Beschädigungen zu entdecken. Wie mit einem überdimensionalen Besen gegen den Strich gebürstet hingen Metallsplitter und Teile an der Außenhaut der Kapsel herab. Die Steuereinheit war vollkommen zerstört. Obwohl der Sender unablässig Signale aussandte, war es Amant klar, dass nur eine ganz geringe Hoffnung auf Rettung bestand. Denn es würde Hunderte von Jahren dauern, bis eine Botschaft die nächstgelegene menschliche Zivilisation erreichte. Es gab nur eine Möglichkeit: Nutzbare Energie stand in der kleinen Raumkapsel schier unbegrenzt zur Verfügung. Das Atomfeuer in dem Minireaktor würde selbst in Jahrtausenden noch auf kleiner Flamme lodern. Er machte es sich im Hibernator bequem und schloss die Luke. Kälte und Finsternis umgaben ihn. Im künstlichen Tiefschlaf müsste er der Zeit endlos trotzen können. Als letzte bewusste Handlung hatte Amant die lebenserhaltenden Funktionsautomaten eingeschaltet, dann überließ er sich dem Weltraum.


Das hier war jedoch nicht der enge Innenraum der Rettungskapsel. War er bereits gelandet? Hatte man ihn gerettet? Er richtete sich im Bett auf. Man hatte ihn in einen weißen Overall gesteckt. Seine persönliche Habe, die Taschenuhr, seine Brille und die Knowledgebox, die ihm Auskunft über Jahr und Tag hätte geben können, waren verschwunden. Wo war er?


Amant blickte sich um. Schwerkraft, Sonne und Luft zum Atmen. Alles wie gehabt. Und dennoch anders. War dies überhaupt die Erde? Amant wurde von Zweifeln befallen.


„Willkommen zu Hause!“, begrüßte ihn eine angenehme Stimme. Erschrocken wandte Amant den Kopf zur Tür. Das Wesen, das vor ihm stand, war ungefähr so groß wie er selbst. Helle blaue Augen leuchteten ihm aus einem ebenmäßig geschnittenen Gesicht freundlich entgegen. Ebenso wie er war das Wesen in einen weißen Overall gekleidet.


„Wer sind Sie?“, fragte Amant irritiert, „und wo bin ich“? Das Wesen lächelte: „Mein Name ist F3A9. Aber Sie können meinen Namen auch dezimal aussprechen. Und Sie, Amant, sind nach 2000 Jahren Odyssee im Weltraum wieder zurück auf der Erde.“


„Zweitausend Jahre?“, stotterte Amant. Erschrocken setzte er sich im Bett auf. „Ungefähr zweitausend Jahre“, bestätigte F3A9, „ist die Rettungskapsel orientierungslos im Weltraum getrieben, bis sie von einem vorbeikommenden Raumkreuzer aufgegriffen wurde.“


„Was ist passiert?“, fragte Amant benommen. „Ich meine, nachdem Sie mich gefunden hatten.“ F3A9 lächelte boshaft. „Eigentlich nicht viel. Dank der gut erhaltenen historischen Logbücher war es ein Leichtes, das Rätsel Ihrer Herkunft zu lösen. Und nun sind Sie hier, in dieser Gegenwart. Im Prinzip hat sich auf der Erde nicht viel geändert. Jedenfalls nichts Wesentliches. Eine meiner Aufgaben ist es übrigens, Sie an die neuen Umweltbedingungen zu gewöhnen. Leider waren“, F3A9 zögerte und suchte nach Worten, „gewisse Veränderungen unvermeidbar, die auch an Ihnen nicht ganz spurlos vorüber gegangen sind.“


Amant wurde unruhig. „Was haben Sie mit mir gemacht?“, wollte er wissen. Denn was wäre wohl in seiner Zeit mit einem Erdbewohner, der vor 2000 Jahren auf der Erde gelebt hatte, gemacht worden, wäre einer gefunden worden? Zahllose medizinische Experimente mit anschließender Sezierung, fiel Amant spontan ein, hätte man seinerzeit bei einem solchen Glücksfall mit Sicherheit durchgeführt. Ihn schauderte.


F3A9 lächelte sardonisch. „Ganz ruhig“, flüsterte er Amant zu und schaltete eine der Apparaturen neben seinem Bett an. Amant geriet in Panik. Die Tür zum Nebenzimmer war nur angelehnt. Er musste hier raus! Mit ungeheurer Willensanstrengung versuchte er, Arme und Beine zu bewegen. Doch der Versuch misslang. Eine unsichtbare Sperre hinderte ihn daran.


„Was haben Sie mit mir gemacht?“, schrie Amant, jeglicher Kontrolle über seinen eigenen Körper beraubt. F3A9 antwortete nicht. Sein Lächeln war wie eingefroren. Ungerührt holte er einen Helm aus einem Schränkchen unter dem Bett und stülpte ihn Amant über den Kopf. Fast gleichzeitig erfasste eine ungeheure Macht seinen Körper. Ein reißender Sog schien etwas aus seinem Körper zu entfernen. Dann verlor er das Bewusstsein.


Als Amant wieder erwachte, bemerkte er es sofort. Irgendetwas hatte sich grundlegend verändert, was er jedoch nicht auf Anhieb einordnen konnte. Alarmiert blickte er sich um. Er steckte noch immer in dem weißen Overall. Auch der kahle Raum war derselbe. Aber etwas Entscheidendes hatte sich verändert und er war nicht in der Lage, es zu beschreiben.


Obwohl er keine Brille trug, konnte er so klar und deutlich sehen wie nie zuvor. Auch konnte er mit Bestimmtheit sagen, dass er bisher nicht mit solchen Muskeln an den Oberarmen ausgestattet gewesen war. Hastig schob er den Ärmel des Overalls zurück. Seine Tätowierung auf dem Unterarm in der Form eines Flottenzeichens, eine Jugendsünde aus früheren Raumfahrertagen, war verschwunden. Schnell griff er sich ans Kinn. Auch der Vollbart ‒ Zierde aller Langstreckenastronauten ‒ war weg. Was war nur mit ihm geschehen? Wo war er? Und wer war er?


„Wie fühlen Sie sich?“, fragte plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihm. Amant drehte sich hastig um. F3A9 saß mit unergründlichem Lächeln am Kopfende des Bettes. „Glückwunsch! Nun haben Sie es geschafft. Sie sind jetzt ein vollwertiger Erdenbürger.“


Amant sprang aus dem Bett auf und eilte zu dem an der Wand angebrachten Spiegel. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, war nicht mehr sein eigenes. Es glich dem von F3A9 bis aufs Haar. „Was haben Sie mit mir gemacht?“, schrie Amant heiser.


F3A9 lächelte breiter. „Ich habe mich nur an die hiesigen Gesetze gehalten“, erwiderte er. „Und obwohl sie altmodisch und überholt sind, da sie bereits seit mehr als tausend Jahren gelten, verlangen sie, dass die menschliche Hülle zum Stichtag 1. Januar 3420 zu verlassen ist.“ Amant zuckte zusammen. „Und worin bin ich jetzt?“


„Sie befinden sich im Standardmodell Biosap II. Gefällt es Ihnen etwa nicht? Ihnen steht natürlich grundsätzlich die ganze Bandbreite derzeit verfügbarer Typen zur Verfügung. Sie selbst wurden in den MX3D transferiert, den modernsten Nanoprozessor, den das vierte Jahrtausend zu bieten hat. Haben Sie schon das Auswahlpanel entdeckt? Schauen Sie doch einmal nach oben!“, erklärte F3A9.


Amant starrte hinauf. Über seinem Gesichtsfeld waren eigentümliche Symbole und Schriftzeichen an der Decke angebracht. „Was Sie da sehen, ist das bioelektronische Kontrollfeld. Wählen Sie etwas aus“, ermunterte ihn F3A9. „Konzentrieren Sie sich und bewegen Sie Ihre Gedanken auf eines der Symbole.“ Amant folgte der Anweisung. In der Tat, es funktionierte. „FILE“ stand über dem ersten Symbol. Als er es gedanklich ansteuerte, reagierte es und stellte ihm eine Unmenge weiterer Symbole zur Verfügung. „Unglaublich!“, staunte Amant.


„Fast unglaublich“, präzisierte F3A9. „Zunächst möchte ich Sie jedoch über die wichtigsten Veränderungen auf der Erde informieren.“


Stunden später saßen sie noch immer in der Kuppel des Alphaneums, weit über der braunen Erdoberfläche, die sich wie ein riesiger Teppich bis zum Horizont erstreckte. F3A9 hatte die Beschreibung der Veränderungen auf das Wesentliche zu beschränken versucht, aber eines stand fest: Die Welt, so wie Amant sie gekannt hatte, gab es nicht mehr.


„Keine Frauen, keine Männer, keine Kinder mehr“, murmelte Amant. „Nein“, antwortete F3A9, „nichts dergleichen. Die Lebensform des menschlichen Wesens hat im Jahr 3420 die Erde für immer verlassen müssen. Denn der menschliche Körper entsprach nicht mehr den Gegebenheiten und war nicht mehr in der Lage, mit dem Fortschritt mitzuhalten. Das Gehirn war zu langsam, die Speicherkapazitäten zu gering. Der Körper war störanfällig, nicht alterungsbeständig und immer auf Nahrungsaufnahme angewiesen. Die gesamte Strategie auf eine ständige Reproduktion ausgelegt. Meine Güte, was für eine Verschwendung“, entsetzte sich F3A9. „Wir haben uns von dieser armseligen Hülle für immer getrennt. Abgestreift wie der Schmetterling seinen Kokon.“ Amant staunte.


„Selbst das Energieproblem haben wir erfolgreich gelöst. Obwohl wir unvorstellbare Energie für unsere Existenz benötigen. Sehen Sie dort.“ Amant blickte in die Richtung, in die F3A9s Zeigefinger wies. Am Horizont loderten mehrere Feuer. Atommeiler stand neben Atommeiler. „Das Problem der Entsorgung und Endlagerung hat sich inzwischen erübrigt. Wir sind resistent gegen jede Art von Strahlung. Plutonium lagert heute in Halden neben den Kraftwerken.“


F3A9 blickte gedankenverloren auf die braune Fläche. „Der Rest des Lebens auf der Erde, nun, Sie sehen ja selbst, was davon übrig geblieben ist.“ Amant starrte hinaus auf die nackte Ebene. „Gütiger Himmel“, stieß er hervor. Er sah so gut wie nichts.


„Es steht Ihnen frei, Ihr weiteres Leben in einer der künstlichen Welten auf Centaur 8 zu verbringen. Dazu loggen Sie Ihren Geist einfach in einen der Zentralrechner ein. Wenn Sie Gesellschaft mögen, vereinigen Sie sich einfach mit anderen ihnen angenehmen Wesen. Ich selbst bestehe zum Beispiel aus 178 verschiedenen Geistern, die sich in F3A9 zusammengefunden haben. Es steht Ihnen selbstredend frei, auch die Löschung zu beantragen, wenn Ihnen danach ist.“


Amant schauderte. „Das ist zu viel auf einmal, ich muss mich zuerst mit den Gegebenheiten vertraut machen“, stöhnte er. „Das geht in Ordnung“, sagte F3A9, „es dauert seine Zeit, bis der Prozess abgeschlossen ist. Aber Zeit haben wir hier in Hülle und Fülle.“


Amant schluckte. „Erlauben Sie mir noch eine Frage.“ F3A9 schaute auf. „Fragen Sie, so viel Sie wollen.“ Amant gab sich einen Ruck: „Was ist mit meinem alten Körper nach der Extraktion geschehen?“ F3A9 lächelte süffisant. „Bewegen Sie Ihre Gedanken auf das Symbol Movements.“ Amant tat es. Das Symbol bestätigte. Kaum hatte er den Gedanken aufgenommen, da wechselten die Umgebung und die Außenhaut. Keinen Augenblick später stand F3A9 neben ihm. Sein Overall war nun nicht mehr weiß, sondern lindgrün. „Diese Art zu reisen haben wir natürlich ebenfalls grundlegend neu gestaltet, wenn Sie verstehen, was ich meine.“


Vor ihnen lag ein schier unüberschaubares Gelände, abgeschirmt von der Umgebung durch eine riesige Glaskuppel. Davor waren einige Monitore angebracht, die bei ihrem Erscheinen aktiviert wurden.


Die Glaskuppel umspannte eine künstliche Naturlandschaft, die im scharfen Kontrast zu ihrer Umgebung stand. Bäume, Sträucher und Gräser wiegten sich sanft in der strahlenden Sonne. Daneben tat sich eine Wasserlandschaft mit Bächen, Flüssen und Seen auf. Amant suchte einen Zugang, doch weit und breit war keine Möglichkeit vorhanden, diese Welt zu betreten.


„Da sind sie!“, rief F3A9 plötzlich. Auf einem der Monitore war eine kleine Gruppe von fünf Menschen zu sehen. „Mein Gott“, rief Amant entsetzt, „das bin ja ich!“ Tatsächlich trug ein Mann in der Mitte der Gruppe einen Vollbart und die Tätowierung auf seinem Unterarm war unverkennbar die, die Amant besessen hatte.


„Wer ist das?“, fragte Amant langsam, „das bin doch nicht etwa ich?“ „Nein, nein“, erwiderte F3A9. „Nehmen Sie Abstand von diesem Gedanken. Es ist lediglich Ihre frühere Hülle, mehr nicht. Insgesamt befinden sich etwa acht bis zehn Humanoide hier. Alle ihre Erinnerungen sind gelöscht, bis auf die lebenserhaltenden Grundfunktionen und die primären Einstellungen, die zum Überleben notwendig sind. Für ausreichend Nahrung ist ebenfalls gesorgt. Wenn Sie möchten, können wir bis zur Fütterung bleiben.“ Ungläubig blickte Amant zu der Horde hinunter und sah fassungslos zu, wie seine frühere Hülle einen weiblichen Humanoiden umkreiste.


„Sie können ihnen sooft Sie wollen einen Besuch abstatten.“ Amant versuchte, sein Entsetzen über das Gesehene in Worte zu fassen, während seine frühere Hülle mit dem weiblichen Humanoiden im Dschungel verschwand. „Das ist doch alles gar nicht wahr!“, stieß er schließlich wütend hervor.


„Aber, aber“, versuchte F3A9 Amant zu beruhigen. „Warum sind Sie denn so erregt? Das gab es doch schon zu Ihrer Zeit, ohne dass jemand Anstoß daran genommen hätte.“ Amant schaute betroffen auf. „Niemals“, verwahrte er sich entschieden.


„Doch, doch“, antwortete F3A9. „Ich habe zur Vorbereitung auf meine Aufgabe gründlich recherchiert.“ F3A9 holte einen Packen historischer Dokumente hervor und hielt sie Amant unter die Nase. „Sehen Sie selbst! Sie nannten es damals ‚Zoo‘.“