Letzte Chance


Dr. Tar vom Institut für Grundlagenforschung und praktische Anwendungen saß in seinem Arbeitszimmer und grübelte. Seit Jahren forschte er auf dem Gebiet des Prozesstransfers, ohne bislang einen Durchbruch erzielt zu haben. Immer wieder schweifte sein Blick zum Versuchsaufbau. Eigentlich hätte alles funktionieren müssen. Ein Rechner hier, ein Rechner dort, dazwischengeschaltet die Infrarot-Verbindung. Die Software in beiden Rechnern war gestartet. Inzwischen hätten nun wechselseitig beide Rechner unterbrechungsfrei jeweils die Funktion ihres Partners übernehmen müssen, einschließlich der Instruktionsfortsetzung, des Memory-Übertrags und der nahtlosen Festplatten-Verpointerung.


Dr. Tar seufzte tief. Vom Erfolg oder Misserfolg seiner Anwendung hing sein persönliches Schicksal ab. Der Institutsleiter hatte ihm unmissverständlich gedroht, seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern, wenn er nicht bald passable Arbeitsergebnisse vorstelle.


Dr. Tar betrachtete sich nachdenklich im Spiegel über dem Waschbecken. Ein rundes, fülliges Gesicht blickte ihn aus müden Augen an. Verlegen strich er sich übers Haar. Was er dort fühlte, machte ihn nicht glücklicher. Der Mittelstreifen zwischen den Haaransätzen vergrößerte sich von Jahr zu Jahr und schickte sich an, nun auch die restliche Fläche widerstandslos zu erobern.


Im Januar würde er fünfzig werden. Kein Alter, in dem ihm noch ein lukratives Angebot aus der Industrie unterbreitet werden würde. Missmutig schluckte er eine der Tabletten, die ihm der Arzt wegen einen latent drohenden Herzinfarkts verordnet hatte, und versuchte, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.


Das tiefe Dröhnen eines Sportwagenmotors riss ihn erneut aus seinen Gedanken. Er blickte aus dem Fenster. Draußen parkte Professor Martin seinen roten Flitzer vor dem Gebäude. Der jugendlich-attraktive blonde Mann war seit knapp zwei Jahren im Institut. In dieser Zeit hatte er die Herzen aller Mitarbeiterinnen im Sturm erobert, zehn wichtige Artikel zur Grundlagenforschung in renommierten internationalen Zeitschriften veröffentlicht, drei Patente angemeldet und einen begehrten Forschungspreis verliehen bekommen.


Dr. Tar drückte noch eine Tablette aus dem Blister und schluckte sie mit etwas Wasser. Deprimiert starrte er auf seinen Versuchsaufbau. Offenbar hatten sich alle Elemente der Welt gegen ihn verschworen. „Unnötige Aufregung müssen Sie auf jeden Fall vermeiden“, hatte der Arzt ihm eindringlich geraten. Dr. Tar schloss die Augen und zählte leise bis hundert.


Als er die Augen wieder öffnete, registrierte er mit Verwunderung die schwarze Plastikschutzhülle um den Infrarotsender. So konnte es natürlich nicht funktionieren!


Am späten Nachmittag klopfte es heftig an Dr. Tars Bürotür. Ohne eine Antwort abzuwarten, wurde die Tür aufgerissen und Professor Martin trat ein. Tar, der sich gegen den ausdrücklichen Rat des Arztes ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gegönnt hatte, erschrak, verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall, der durch den Qualm der Zigaretten in Professor Martins Hand noch verstärkt wurde.


„Entschuldigen Sie die Störung“, begann Professor Martin erregt. „Eine wissenschaftliche Entdeckung, eine Sensation!“ Dr. Tar, mühsam gegen den Hustenreiz ankämpfend, starrte seinen Kollegen entgeistert an. Der schob hastig nach: „Ich habe sie gefunden und kann sie steuern!“ Dr. Tar verstand nur Bahnhof.


Professor Martin schloss die Tür und nahm an Dr. Tars Schreibtisch Platz. „Jahre meines Forscherlebens habe ich dieses Rätsel erforscht und heute habe ich die Lösung gefunden. Es ist so einfach, so primitiv!“ Professor Martin schüttelte den Kopf darüber, diese Entdeckung nicht schon viel früher gemacht zu haben. „Sie werden es nicht glauben!“ Tar blickte verwundert. War Professor Martin übergeschnappt?


„Alle anderen sind schon gegangen. Sie werden also der erste Mensch sein, der von diesem faszinierenden Spiel der Natur erfahren wird“, japste Professor Martin. „Ich habe es ganz in meinem Tiefsten geahnt. Ich habe es schon immer gewusst! Das ganze unlogische Gerede von Gott oder Religion. In Wirklichkeit ist alles viel ernüchternder. Gerade eben ist mir der Durchbruch gelungen. Alles wird neu zu bewerten sein. Alles!“


Dr. Tar schwieg. Was hätte er auch sagen sollen?


„Ertasten Sie mal das obere Ende Ihrer Halswirbelsäule“, forderte ihn Professor Martin auf. Gehorsam legte Dr. Tar die rechte Hand ins Genick. Lieber würde er den Anweisungen dieses Verrückten folgen, als ihn durch Widerspruch zu provozieren. Man konnte ja nie wissen …
„Spüren Sie es?“, fragte Professor Martin aufgeregt. Dr. Tars vorsichtiges Lächeln nahm er als Zustimmung.


„Zwischen Gehirn und Halswirbelsäule liegt es. Eine einfache Kommunikationsschnittstelle, für die ich den passenden Adapter entwickelt habe!“ Das Einzige, was Dr. Tar spürte, waren die abschließenden Rundungen des Halswirbels.


„Sie wissen, was das bedeutet“, fragte Professor Martin. „Natürlich bin ich noch längst nicht so weit, eine abschließende Hypothese aufzustellen und beweisen zu können. Aber heute wage ich zu behaupten: Wir, die Menschheit, sind nicht mehr als eine Art primitive Roboter.“


Dr. Tar schluckte und versuchte sein Unbehagen hinter einem harmlosen Lächeln zu verstecken.


„Vor langer Zeit auf die Erde gebracht mit einem vorinstallierten Programm, das sich zwar durch die ständige Reproduktion permanent erweitert, aber im Wesentlichen, in seinem Kern gleich geblieben ist. Die Frage, warum sie uns gerade hier ausgesetzt haben, kann ich Ihnen gegenwärtig nicht beantworten. Genauso wenig die Frage, wer sie sind. Vielleicht haben wir sie überlebt. Vielleicht haben sie uns vergessen. Möglicherweise befinden sie sich ja schon auf dem Weg, um uns wieder abzuholen. Vielleicht dienen wir einer Sache, deren Ziel und Zweck uns heute noch verborgen bleibt. Vielleicht werden wir irgendwann einmal umprogrammiert. Tatsächlich sind wir alle mit diesem Interface ausgestattet, das, wenn man über die notwendigen Kenntnisse verfügt, ganz einfach zu bedienen ist.“


Dr. Tar schüttelte den Kopf. Er bedauerte es sehr, dass der Institutsleiter diesem ungewöhnlich interessanten und engagierten Vortrag nicht beiwohnen konnte. Aber er würde höchstpersönlich dafür sorgen, dass Professor Martin schnellstmöglich Gelegenheit dazu bekam. Dr. Tar grunzte zufrieden und nickte.


Professor Martin kehrte ihm in einem Akt grenzenlosen Vertrauens den Rücken zu, stützte seine Hände auf die Fensterbank und starrte in die schier endlose Weite des Himmels. „Selbstverständlich stehen wir erst am Anfang der Forschungen. Ganz neue Möglichkeiten erschließen sich uns. Und dabei meine ich nicht die wirtschaftliche Seite dieser Entdeckung. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“


Eine beklemmende Stille trat ein. Professor Martin blickte erwartungsvoll zu seinem Kollegen. Dr. Tar wirbelte seinen Kugelschreiber nervös herum wie einen Tamburinstock. „Und das soll ich nun ernsthaft glauben?“, brummte er schließlich. Ähnlich wie beim Mittagessen in der Mensa tropfte Zweifel aus seinen Worten wie fettiges Öl aus der Panade.


„Aber ja doch“, antwortete Martin, verärgert über die Skepsis seines Kollegen. „Sehen Sie selbst, hier ist der Prototyp.“ Martin zeigte ihm ein mehrfaseriges Kabel, an dessen oberem Ende sich eine eierbecherförmige Elektrode befand. „Im Falle eines Defektes liegt noch ein baugleiches Exemplar auf meinem Schreibtisch“, bemerkte er lakonisch. Unterdessen hatte er mit einem Klebestreifen die Elektrode über seinem Halswirbel befestigt. Das andere Ende steckte er ohne zu zögern in die V24-Schnittstelle an Dr. Tars antiquiertem Rechner. „Sie sind übrigens das erste menschliche Wesen, dem ich diese Entdeckung vorstelle. Ich hoffe, Sie sind sich ihrer Tragweite bewusst!“


Dr. Tar versuchte, ruhig zu wirken, doch seine Hand zitterte wie Espenlaub.


„Hier ist das Steuerprogramm. Ich habe es der Einfachheit halber ‚Human-Interface‘ genannt.“ Professor Martin reichte seinem Kollegen eine Diskette. „Mehr benötigen wir nicht?“, staunte Dr. Tar.


„Aber nein“, antwortete Professor Martin. „Es ist eigentlich zu einfach, um wahr zu sein.“ Er legte die Diskette in Tars Computer. Ein Menü erschien auf dem Bildschirm. Zur Auswahl standen „Laden“ und „Speichern“. „Damit kann ich Sie in meinen Rechner laden?“, fragte Tar ungläubig. „Mit Stumpf und Stiel“, antwortete Professor Martin stolz und räkelte sich in dem gemütlichen Sessel neben dem Schreibtisch, den Dr. Tar eigentlich nicht für Besucher, sondern für seinen täglichen Mittagsschlaf vorgesehen hatte.


„Und nun?“, fragte Tar vorsichtig. „Mit der Auswahl ‚Laden‘ werden Sie mich oder besser gesagt den Datenteil, aus dem ich bestehe, in Ihren Rechner extrahieren. Keine Angst, es ist völlig ungefährlich. Mit ‚Speichern‘ wird der Inhalt zurücktransferiert. Ist doch einfach, oder nicht?“, Dr. Tar staunte. „Und ich soll nun die Auswahl ‚Laden‘ aktivieren?“, fragte er nochmals ungläubig.


„Natürlich! Beginnen Sie endlich“, antwortete Professor Martin ungehalten. „Oder wollen Sie bis Weihnachten warten?“ Ein Entschluss reifte langsam in Dr. Tar heran. Ein leises Lächeln huschte um seinen Mund. Er drückte wie abgesprochen eine Taste.


Die Nachricht von Dr. Tars plötzlichem Ableben verbreitete sich am nächsten Tag wie ein Lauffeuer am Institut. Er war am Abend von der Putzfrau leblos aufgefunden worden. Ein eilig herbeigerufener Arzt stellte fest, dass das unglückliche Zusammentreffen einer unerhörten Aufregung mit der verspäteten Einnahme der verschriebenen Medikamente zum Tod geführt haben müsse. [Nachdem die Leiche abtransportiert war, ließ der Institutsdirektor sofort das Türschild am Büro abmontieren, ausräumen und für den Nachfolger vorbereiten. [siehe Geschichte „Ins Netz gegangen“]]


Professor Martin traf an diesem Morgen zwei Entscheidungen, die Kollegen, Freunde und Bekannte gleichermaßen als Weichenstellung für sein weiteres Leben einstuften und die mehr oder weniger eng in Verbindung mit Dr. Tars plötzlichem Tod zu stehen schienen. Zum einen verzichtete der Kettenraucher von Stund an auf seine geliebten Zigaretten. Zum anderen gab er den sofortigen Rücktritt von allen seinen Ämtern und den Rückzug aus dem Institut bekannt.


Fortan führte er das mondäne Leben eines Playboys, ohne je wieder einen Gedanken an Forschung und Wissenschaft zu verschwenden. Die Rechte an seiner letzten Erfindung, der „Cross-Memory-Connection“, verkaufte er an ein Lizenzunternehmen, das das Konzept bis zur Serienreife weiterentwickelte. Einer Technologie, die heute zum Standard eines jeden besseren PCs gehört. Die Diskette für „Human-Interface“ hingegen blieb verschwunden. So, als habe das Programm nie existiert.


Manchmal, in feucht-fröhlichen Runden, wurde Professor Martin nach den Gründen für sein plötzliches Ausscheiden gefragt. Dann überkam ihn eine gewisse Melancholie. Verlegen strich er sich über das dichte, goldblonde Haar, das ihm das Aussehen eines Engels verlieh.


„Wissen Sie“, pflegte er dann mit Bedauern in der Stimme zu sagen, „das Risiko ist einfach zu hoch. Es gibt zu viele dieser unglücklichen Menschen vom Schlage eines Dr. Tar.“


Seine Zuhörer nickten wissend. Doch nur ein einziger Mensch wusste wirklich, was er damit meinte, und das war Professor Martin. Aber der war tot.