Sie nannten ihn Gazelle


Obwohl es Morgen war und die wichtigsten Disziplinen noch anstanden, war das Olympiastadion schon jetzt bis zum letzten Platz gefüllt. Die Stimmung unter den Zuschauern war großartig und fand in einigen Laola-Wellen ihren Höhepunkt. Als nächste Disziplin würde der 400-Meter-Lauf der Herren ausgetragen. Seit zwei Jahren tobte ein erbitterter Kampf zwischen dem Titelverteidiger, dem athletisch gebauten Afrikaner Kura Kor und der Konkurrenz aus aller Herren Länder, die Kura Kor in schöner Regelmäßigkeit zu deklassieren pflegte.


Eine Nachricht sorgte schon vor dem Rennen für Aufregung. Ein hoffnungsvolles Talent aus Europa würde erstmals im direkten Duell gegen den Titelverteidiger antreten. In den vergangen Jahren war es keinem einzigen weißen Läufer gelungen, die Dominanz der afrikanischen Läufer zu brechen oder auch nur annähernd zu gefährden.


Bei dem Läufer handelte sich um einen jungen kräftigen Burschen mit dem Namen Moses Crisp, dem die Fachwelt eine große Karriere voraussagte. Tatsächlich hatte Crisp schon im Vorfeld für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt, als er in der landesweiten Ausscheidung seine Konkurrenten um Längen schlug, eine neue Weltbestzeit erzielte, die selbst die Bestzeit des Titelverteidigers Kura Kor um beinahe eine Sekunde unterbot, um im ans chließenden Fernsehinterview eine weitere Leistungssteigerung zur Olympiade anzukündigen.


Für den normalsterblichen Menschen ist eine Sekunde keine Zeitspanne. Im 400-Meter-Lauf jedoch ist diese Sekunde Differenz ein erheblicher Qualitätsunterschied. So war es nicht verwunderlich, daß die ganze Welt, vertreten durch Reporter und Fernsehteams wie gebannt auf diesen Lauf blickte. Zusätzlich hatten die großen


Boulevardzeitungen mit angeblichen Äußerungen des Titelverteidigers und fingierten Antworten des Herausforderers die Stimmung angeheizt, die in langen Schlangen vor den Wettbüros ihren Ausdruck fand. Glaubte man den Wettquoten, so würde es zu einem Kopf-an-Kopfrennen kommen, womit bereits im Vorfeld die Buchmacher als vorläufige Gewinner ausgemacht waren.


Natürlich hatten viele Zeitungen sofort über Doping und Dopingverdacht berichtet, jedoch waren sämtliche Dopingkontrollen mit negativem Ergebnis verlaufen. In zahlreichen Radio- und Fernsehsendungen hatten sowohl Crisp als auch der stets präsente Trainer den Verdacht auf Doping stets empört zurückgewiesen und gleichzeitig den Urhebern derartiger Gerüchte Rufmord und Neid unterstellt.


Die Stimmung im Stadion näherte sich ihrem Höhepunkt. Während die Sportler des Zehnkampfs in der Mitte der Arena damit beschäftigt waren, sich auf den Stab-Hochsprung vorzubereiten, wurden die Startblöcke für den 400 Meter-Lauf von Helfern auf der Startbahn befestigt.


An dem sich plötzlich anhebenden Geräuschpegel konnte man erahnen, daß die Gladiatoren das Station betraten. Sowohl Crisp als auch Kor hatten die Vorläufe klar gewonnen. Während Kura Kor in den Ausscheidungen seine Läufe oft nur mühsam gewann, hatte die Fachwelt bei Crisp eher das Gefühl, er sei mit angezogener Handbremse in das Rennen gegangen, wie es eine Sportzeitung in großen Lettern formulierte.


Die Sportler standen auf der Laufbahn bereit und vollzogen Lockerungsübungen, die in Art und Form nur unwesentlich voneinander abwichen. Einige hatten die Hände in die Seite gestemmt und blickten mit verklärten Minen in die Kameras der Fernsehteams, die in einer Art eigener Olympiade den Kampf um die besten Positionen aufgenommen hatten.


Der Starter betrat die Bahn, die Läufer nahmen in ihren Startblöcken Aufstellung. Im Stadion kehrte plötzlich eine seltsame Stille ein. Die Läufer verharrten in Anspannung. Der Schuß der Starterpistole ertönte und katapulierte die Läufer aus ihren Startblöcken. Eine laute Woge von Anfeuerungsrufen verwandelte das Stadion verwandelte in einen riesig brodelnden Hexenkessel.


Nach den ersten 100 Metern lagen die beiden Favoriten um Längen klar in Führung. Crisp lief in der gewohnten hart federnden Art, die ihm in den Sportreportagen den Spitznamen Gazelle eingebracht hatte. Mit Erreichen der 200-Meter-Marke erlebten die Anfeuerungsrufe des Publikums einen neuen Höhepunkt. Hatte es bis dahin so ausgesehen, als würde das Duell bis zum Ende spannend bleiben, schien es, als ob ein Ruck zusätzlicher Beschleunigung durch Crisp gehen würde. Mit Erreichen der 300-Meter-Marke lag Crisp deutlich in Führung, hinter ihm, mit einigen Metern Abstand folgte Kura Kor. Hatte Crisp zu früh den Spurt eingeleitet? Würde er diese mörderische Tempo bis zum Schluß durchhalten können? Während Sportreporter diese Fragen berauscht vom Zweikampf der Läufer in ihre Mikrophone schrien, erhöhte Crisp nochmals seine Schrittfrequenz. Noch 50 Meter waren es bis zur Ziellinie. Leichtfüßig ließ er Kura Kor zurück und überschritt mit Abstand die Ziellinie. Kor folgte mit deutlichem Zeitunterschied, und einige Sekunden später folgte abgeschlagen das Hauptfeld. Das Publikum schrie, pfiff und klatschte begeistert. Eine Tafel verkündetete die neue Bestzeit, Weltbestzeit. Crisp lag erschöpft auf dem Boden und streckte alle Viere von sich.


Wieder und wieder wurde auf einer überdimensionalen Leinwand der Einlauf in Zeitlupe übertragen, während die Reporter in vielerlei Sprachen den Spitznamen Gazelle in Mikrophone riefen oder auf Blöcken niederschrieben.


Crisp erhob sich mühsam von der Startbahn. Er reckte die Hände in die Höhe und nahm die Gratulationen von Kura Kor und der restlichen Konkurrenz entgegen. Eine Traube von Sportjournalisten hatte sich nun um ihn gebildet und ein Blitzlichtgewitter markierten die Stelle seines Aufenthalts.


Direkt von der Bahn wurde Crisp von den Helfern zur Dopingkommission gebracht. Kurz darauf kehrte er um einige Gramm Blut und etliche Milliliter Urin erleichtert in seine Kabine zurück, in der Trainer und Betreuern in überschwenglicher Freude den Olympiasieg feierten. Der Mediziner öffnete mit lautem Knall eine Flasche Champagner und spritzte die schäumende Flut in die Kabine. Funktionäre bemühten sich, den Weg zu Crisp zu bahnen und ihm begeistert zu gratulieren. Crisp ließ alles willig mit sich geschehen.


In knapp zwei Stunden würde er auf dem Siegertreppchen stehen, würde die Goldmedaille überreicht bekommen, und die Sponsoren würden sich die Finger nach ihm lecken.


Während allenthalben ausgelassene Freude herrschte, hatten sich der Mediziner und der Trainer in eine Ecke zurückgezogen und beratschlagten still und heimlich.


Ihr werdet verstehen, daß sich Moses vor der Preisverleihung noch etwas erholen muß, sagte der Trainer und die Helfer verstanden. Es kam recht häufig vor, daß sich der Trainer mit dem Mediziner und dem Sportler zurückzogen und keiner der Helfer hatte sich je etwas dabei gedacht. An Doping schon gar nicht, denn schließlich konnte sich jeder täglich davon überzeugen, daß Crisp hart an seinem Erfolg arbeitete. Zudem war es noch nie vorgekommen, daß in der Vergangenheit auch nur eine der Dopingkontrollen beanstandet worden war, und die Helfer hatten schon viele der Proben an die Meßstationen weitergereicht.


Crisp blieb mit dem Trainer und dem Mediziner allein zurück und nachdem der Letzte die Kabine verlassen hatte, verschloß der Trainer sorgsam die Tür.


Der Mediziner öffnete einen Schrank und kramt einen Koffer hervor. Der fensterlose Raum in den Katakomben des Sportstadions würde keinem noch so vorwitzigen Reporter Gelegenheit bieten, Einblick zu nehmen.


Der Trainer blickte auf die Uhr. Wir können uns Zeit lassen, sagte er. Noch eine Stunde bis die Medaillen verliehen werden. Crisp setzte sich zurecht. Er kannte das nun folgende Schauspiel zur Genüge, schließlich war eine seit Jahren eine gewohnte Prozedur.


Der Mediziner hatte gefunden, wonach er suchte. Als er sich zu Crisp umdrehte hielt er eine kleine Feile in der Hand. Crisp brummte unwillig. Sie hätten schon längst etwas dagegen erfinden können sagte er verdrießlich. Man kann eben nicht alles haben erwiderte der Trainer aufmunternd. Es hat uns schon genug Zeit gekostet, daß Gazellenhormon aufzubereiten und für mich ist Erfolg genug, daß es weder im Blut noch im Urin noch sonst wo nachweisbar ist.


Crisp zuckte ungehalten mit den Schultern. Aber wir arbeiten daran, wenn es Sie beruhigt, sagte der Mediziner, während er vor Crisp trat. Vielleicht haben wir bis zu den nächsten Wettkämpfen ein Mittel dagegen gefunden.


Wo doch gerade jetzt so viele Kameras auf dich gerichtet sind, und sie niemand sehen darf, warf der Trainer ein. Es ist doch wirklich nur zu deinem Besten. Crisp seufzte während der Mediziner mit einer Handfläche sanft über die grobe Seite der Feile fuhr.


Plötzlich begann jemand wie wild gegen die Tür zu hämmern, die Klinke wurde gedrückt. Von außen erschollen laute Rufe. Reporter hatten sich bis zur Tür einen Weg gebahnt und wollten sich Zutritt zum Favoriten verschaffen.


Gleich, gleich schrie der Trainer wütend. Nur noch eine Sekunde. Wir kommen gleich! Der Mediziner, ärgerlich, weil in seiner Konzentration ges tört setzte sich wieder in Position. Gleich sind wir fertig, redete er beruhigend auf Crisp ein. Es dauert nur ein paar Sekunden!


Der Trainer fixierte Crips Kopf mit beiden Händen. Crisp wußte, daß er keine andere Wahl hatte. Still blieb er sitzen, rührte sich nicht von der Stelle, murrte jedoch ärgerlich als er das Instrument spürte.


Und mit der Feile in seinen Händen begann der Mediziner in rhythmischen Bewegungen die kleinen Ansätze von Hörnern von Crisps Kopf zu raspeln.