Der Mann im Mond.

 


  

Die Erde ging langsam unter und war nur noch als kleine Sichel am Horizont zu erkennen. Fred blickte sehnsüchtig durch die dicken Panzerglasscheiben der Raumstation zu seinem Heimatplaneten, dessen wunderbar blauer Anblick ihn tagtäglich für die zahlreichen Entbehrungen auf dem Mond entschädigte.


Seit über fünf Jahren war Fred nun schon auf dem Erdtrabanten tätig. Er lebte allein in einer großzügigen Dienstwohnung, die ehemals ein Forschungslabor gewesen war. Nachdem jede kleinste Kleinigkeit dieses öden Trabanten erforscht worden war, waren die Wissenschaftler abgezogen und die Forschungsstation zurückgelassen worden. Mit ihm lebten hier derzeit noch sieben weitere Männer im Auftrag der Gesellschaft. Jeder hatte einen klar abgegrenzten Sektor zugeteilt bekommen, der im täglichen Rhythmus zu bearbeiten war.


In der Mitte des Gebiets stand die große Ankunftshalle, in der jeden Tag etliche Raumschiffe mit Besuchern landeten. In der Anfangszeit hatte die Gesellschaft sogar Übernachtungen in einem mit enormem Aufwand erbauten Mondhotel angeboten. Nachdem jedoch aufgrund der mangelnden Schwerkraft das für diese Preise erwartete luxuriöse Ambiente nicht angeboten werden konnte und es insbesondere bei den sanitären Anlagen zu einigen unangenehmen Zwischenfällen gekommen war, hatte man das Angebot eines längeren Mondaufenthalts wieder aus dem Katalog gestrichen.


Der große Renner waren nach wie vor die Tagesausflüge, die riesigen Anklang fanden. Die Mitglieder ganzer Schulklassen, Kegelclubs oder Sportvereine drängten danach, mindestens einmal in ihrem Leben eine Reise zum Mond zu unternehmen.


Ermöglicht hatte diesen Trend die Entwicklung einer modernen neuen Trägerrakete, die im Halbstundentakt eine Fähre mit einem Fassungsvermögen von zweihundert Personen transportieren konnte. Die Reise zum Mond verkürzte sich dadurch auf die Zeitspanne eines Tages und die Preise waren aufgrund des Massenbetriebs auf ein auch für Durchschnittsverdiener erschwingliches Niveau gesunken.


Die Fähren schwebten bei ihrer Ankunft lautlos wie große Ballons herein, um an dem großen Abfertigungsterminal anzudocken. Kosmonautische Reiseführer wiesen die Besucher in die wesentlichen Besonderheiten der schwächeren Anziehungskraft des Erdtrabanten ein. Danach bot die Gesellschaft den Besuchern die Möglichkeit, mit ihrer Gruppe einen Außenspaziergang auf dem Mond zu unternehmen.


In langen Reihen, durch Sicherungsleinen sorgfältig miteinander verbunden, hüpften die Mondreisenden unbekümmert herum, fotografierten die ungewöhnliche Sicht auf die Erde aus den verschiedensten Positionen und wirbelten mit ihren wuchtigen Raumfahrerstiefeln den Mondstaub auf. Manche hatten einen kleinen Becher, eine Plastiktüte oder irgendein anderes Behältnis bei sich, um etwas Mondmaterie oder einen größeren Mondstein als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Die weniger Mutigen genossen aus sicherer Entfernung im Mondrestaurant Luna den unvergleichlichen Blick auf den blauen Planeten. Erst wenn die letzte Raumfähre am Nachmittag die Rückfahrt zur Erde angetreten hatte, kehrte wieder Ruhe auf dem Trabanten ein.


Fred hätte diese Stelle nie annehmen sollen. Nein, tatsächlich nicht. Aber hinterher ist man meistens klüger. Dabei hatte die Anzeige in der Zeitung verlockend gelungen. „Wollten Sie nicht schon immer Astronaut werden?“, lautete die erste Zeile der Werbebotschaft. Auftraggeber war eine Tochtergesellschaft der Weltraumagentur. Er hätte sich nicht melden dürfen. Aber eine Vielzahl unglücklicher Umstände hatte seine Bewerbung begünstigt. Seine Frau war erst vor Kurzem zu einem anderen Mann gezogen. Einen Versager hatte sie ihn genannt. Eine Nullnummer. Einen Blindgänger. Einen Langweiler. Noch lange hatten diese und andere Beleidigungen in seinen Ohren nachgeklungen. Überdies hatte er wenige Tage zuvor völlig überraschend die Kündigung für seinen Arbeitsplatz erhalten.


Da entdeckte er die Anzeige, die sofort sein besonderes Interesse fand. Außergewöhnliche Qualifikationen seien für die Weltraummission nicht erforderlich. Disziplin, etwas Mut und Abenteuerlust seien die einzigen Voraussetzungen, über die man verfügen müsse, um bald ein Astronaut zu sein. Noch am selben Tag schickte er seine Bewerbung an die Agentur. Was hatte er schon zu verlieren!


Einige Tage später traf ein Brief mit dem Absender der Gesellschaft ein. Er enthielt eine Einladung zu einem Gespräch im weltweit bekannten Weltraumbahnhof. Von dort starteten gewöhnlich die Weltraumsonden, die Versorgungsflüge für die Orbitalstationen sowie die mächtigen Marsraketen, die zischend in einem furiosen Schauspiel gen Himmel schossen.


Das Gespräch mit einem älteren, freundlichen Herrn namens Mister McArthur war kurz und knapp. Man suche für einen verantwortungsvollen Posten auf dem Mond eine vertrauenswürdige Persönlichkeit. Nein, Vorkenntnisse oder besondere Referenzen seien nicht erforderlich. Abenteuerlust und Entschlusskraft kämen jedoch nicht ungelegen, man lege vor allem Wert auf absolute Zuverlässigkeit. Mr. McArthur berichtete von dem ehrgeizigen Projekt seiner Gesellschaft, einen Shuttle-Dienst zum Mond einzurichten.


„Wir brauchen Männer wie Sie ‒ Pioniere, die auch vor dem Unmöglichen nicht zurückschrecken!“, verkündete er, und während er sprach, erhob er sich und stand nun mit dem Rücken zu Fred vor einer überdimensionalen Mondkarte, neben der ein Modell der neuen Trägerrakete aufgebaut war.


Als Fred sich nach dem Gehalt erkundigte, nannte Mr. McArthur eine schier astronomische Summe. „Natürlich zuzüglich eines entsprechenden Gefahrenzuschlags“, ergänzte er sofort, als Fred wegen der Höhe zögerte.


Tatsächlich gebe es eine kleine Einschränkung, unbedeutend, eher nebensächlich. Fred blickte misstrauisch auf. „Nun“, sagte Mr. McArthur. „Der Vertrag läuft auf zehn Jahre. Die Gesellschaft fordert, dass Sie in diesen zehn Jahren zuverlässig Ihren Dienst auf dem Mond ableisten. Ein Urlaub ist nicht möglich. Bedauerlicherweise wird die fehlende Schwerkraft auf Dauer eine Art Muskelschwund bewirken. Und bis Sie sich auf der Erde akklimatisiert hätten, wären die freien Tage längst vorbei. Selbstverständlich“, Mr McArthur kam einer Frage von Fred zuvor, „selbstverständlich werden wir Ihnen nach Ablauf des Vertrags auf unsere Kosten einen Sanatoriumsaufenthalt ermöglichen, der Sie wieder voll und ganz in den Besitz Ihrer körperlichen und geistigen Kräfte zurückversetzen wird. Wir werden Ihnen die besten Ärzte zur Seite stellen. Sie können also ganz unbesorgt sein.“ Mr. McArthur nickte zuversichtlich.


Fred überlegte nicht lange und unterschrieb den Vertrag. Nach nur wenigen Wochen Training und Vorbereitung durch die Gesellschaft befand er sich nun an seinem Arbeitsplatz auf dem Trabanten. Die erste Zeit war wirklich aufregend gewesen. Doch nun war eine gewisse Routine eingekehrt. Die Raumfähren starteten und landeten. Die Erde ging unter und die Erde ging auch wieder auf. Die Gesellschaft versorgte ihn und seine Kollegen mit dem Nötigsten und ließ sich dabei nicht lumpen.


Fred seufzte und genoss den Blick auf die blaue Sichel der Erde. Noch weitere fünf Jahre würde er auf dem Mond verbringen müssen. Dann endete sein Vertrag und ein wunderbares Leben stünde ihm bevor.


Aber noch war es nicht so weit. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Er zog seinen Raumanzug an und betrat die Schleuse. Von Weitem konnte er sehen, wie seine Kollegen in ihren Sektoren zu Werke gingen. Dann machte er sich auf und betrat sein Gebiet. Ein tiefer Grimm schüttelte ihn. Der unangenehmste Augenblick des Tages begann. Er hasste diese Tätigkeit!


Ein hochentwickelter Sensor seines vierradgetriebenen Vehikels führte ihn computergesteuert über die Mondoberfläche. Hielt das Fahrzeug, so war Fred an der Reihe. Mühsam kletterte er aus dem Fahrzeug. Widerwillig holte er einen extra dafür entwickelten Greifer aus einer Seitenklappe des Mondfahrzeugs. Auf Knopfdruck öffneten und schlossen sich die Zangen durch eine Art Hydraulik.


Unablässig begann er, die Abfälle der Touristen in den mitgebrachten Behälter zu sammeln.