Der Gnerz

(c) Thomas Heitlinger 2018


Der dritte der vier Monde von Kassiopeia Sieben ging gerade auf, als Frank Letni vor der düsteren Spelunke stand, die ihnen als Treffpunkt dienen sollte. Er hatte es eilig. Spätestens wenn der vierte Mond sein fahles rotes Licht auf den Planeten werfen würde, musste er sich an Bord seines Raumkreuzers auf dem Rückweg in Richtung Milchstraße befinden, wenn er nicht durch sein Fortbleiben einen Verdacht erwecken wollte.


Diesen Treffpunkt hatte der Gnerz, sein Auftraggeber, ausgewählt. Frank zögerte. Nervös entsicherte er den Neutronenlaser. Seit sie im Universum mit intergalaktischem Steckbrief gesucht wurden, rechnete er bei jedem ihrer konspirativen Treffen mit einem Hinterhalt. Er atmete tief durch und berührte vorsichtig die Sensoren der Eingangstür.


Lautlos schwangen die Flügeltüren zurück und gaben den Blick auf das freudlose, triste Innere frei. Kaum eine der anwesenden finsteren Gestalten nahm Notiz von ihm. Im Halbdunkel der spärlichen Phosphorlampen glaubte er den Gnerz erkennen zu können. Frank blieb vorsichtig im Eingangsbereich stehen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.


Ihre Zusammenarbeit währte bereits im zehnten Orionjahr und hätte als Musterbeispiel einer symbiotischen Beziehung dienen können. Allein, dies wurde empfindlich beeinträchtigt durch den düsteren Charakter des Gnerzes und die schlechte Angewohnheit, seine Geschäftspartner bei erfolgloser Mission zu liquidieren. Frank wusste das, aber es war ihm im Laufe der Zeit gelungen, sich mit den Besonderheiten des Gnerzes zu arrangieren.


Frank hatte keine Alternative zu diesem Job. Er musste dem Gnerz dankbar sein. Für einen wie ihn, einen ehemaligen drittklassigen Verkäufer von Unterhaltungselektronik, war in der interstellaren Gesellschaft kein Platz vorgesehen. Bevor er den Gnerz kennenlernte, hatte er von Gelegenheitsdiebstählen gelebt.


Kurioserweise war es der Gnerz gewesen, der ihn ausgerechnet auf einer Einbruchstour in seinem Bau ertappt hatte. Im Nachhinein wunderte sich Frank nicht mehr darüber, warum der Gnerz ihm dieses mildtätige und überraschende Angebot zur Zusammenarbeit unterbreitet hatte.


Nur wenige Meter vom Gnerz entfernt spürte er sie und musste sich zum Weitergehen zwingen. Es kostete ihn ein gehöriges Maß an Überwindung, die Schwelle zu überschreiten. Diese unglaubliche Mischung aus Grauen und unfassbar Schrecklichem, aus Angst und Schaudern! Der Gnerz selbst saß ungeduldig und übelgelaunt in der Ecke. Spottete die Aura des Gnerzes schon jeder Beschreibung, so bot sein physisches Äußeres den passenden Rahmen. Nervös und nicht minder wachsam blickten die acht Augen umher. Unruhig wetzten die Zähne aneinander. Aus dem halboffenen Maul troff der Sabber.


Frank koppelte seinen X.69-Adapter mit der Kommunikationsanlage des Gnerzes und legte den Kopfhörer auf den Tisch. Kaum leuchtete die Synchronisationslampe auf, da ertönte ein wütendes Gebell, das die Kommunikationseinheit nicht übersetzen konnte. Frank schaltete die Lautsprecher ab und wartete eine Weile. Als das Gebell an Lautstärke verlor, setzte Frank den Kopfhörer auf. Eine wütende Stimme ertönte, die krächzend Verwünschungen und Verleumdungen über ihn ausschüttete. Frank war daran gewöhnt. War der Gnerz hungrig, dann war er ungenießbar.


Der Wirt in Gestalt eines gasförmigen Andromedanebels kam an ihren Tisch. Frank bestellte einen doppelten Whisky. Vor dem Gnerz stand bereits ein Becher. Frank unterließ es aus gutem Grund, danach zu fragen, welche Art von Speisen und Getränken der Gnerz in schlechten Zeiten zu sich nahm.


Schließlich versiegten die Hasstiraden des Gnerzes in einem unverständlichen Gemurmel. Frank redete langsam und beruhigend auf das Wesen ein. Sämtliche Augen des Gnerzes blickten ihn misstrauisch an. „Alles verläuft nach Plan“, säuselte Frank. Der Blick war durchdringend, doch trotzdem versuchte Frank, ihm standzuhalten.


„Sind die Humanoiden bereit?“, fragte der Gnerz. Seine Stimme klang heiser. „Geduld“, erwiderte Frank. „Wir müssen etwas Geduld haben.“ Die letzten Worte flüsterte Frank beinahe zärtlich. „Die Evolutionsstufe drei haben wir erreicht.“ Frank lachte leise. „Unser kleines Spielzeug ist unter dem Namen ‚Netz‘ bekannt.“


„Sie Idiot!“, schrie unvermittelt und plötzlich der Gnerz. Für einige Sekunden übersteuerte die Kommunikationsanlage und begann laut zu pfeifen. „Sie elender Trottel! Die Humanoiden werden Verdacht schöpfen. Wie konnten Sie nur? Ich dachte, ich würde mit einem Profi zusammenarbeiten. Es wird nicht funktionieren!“ Der Gemütszustand des Gnerzes schwang in pure Verzweiflung um. „Es geht schief“, greinte er. „Es geht schief. Alles geht schief.“ Die letzten Worte verloren sich in einem entsetzlichen Geheul.


Geduldig wartete Frank, bis das Wehklagen nachgelassen hatte. „Ihre Sorgen sind völlig unbegründet“, versuchte er zuversichtlich zu klingen. „Der Planet ist sehr abgelegen. Weitab von jeder interstellaren Zivilisation entfernt. Wie sollten sie da einen Verdacht hegen?“ Der Kommunikator schwieg urplötzlich. Der Gnerz auch.


„Sie können sich auf mich verlassen“, fuhr Frank hoffnungsfroh fort. „Alles läuft wie am Schnürchen. Die Humanoiden sind so naiv. Sie werden keinen Verdacht schöpfen.“ Frank hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden.


„Wenn Sie das Ding vermasseln, werde ich Sie durch das ganze Universum jagen“, fauchte der Gnerz mit einer unmissverständlichen Drohgebärde. Frank erschauderte. In solchen Situationen begann sich sein Gewissen zu regen. War es wirklich richtig, was er tat? Im eigentlichen Sinn beging er kein Verbrechen. Irgendwelche armseligen Kreaturen am Rande der interstellaren Gesellschaft mit mittelmäßiger Technologie zu versorgen, das verstieß allenfalls gegen die Statuten des hohen Rates. Für den Gnerz war er nicht verantwortlich und konnte höchstens wegen Beihilfe in einem besonders schweren Fall belangt werden. Ach, hätte es dem Gnerz doch gereicht, in Saus und Braus zu leben. Sie könnten noch heute auf Gamma Acht ein sorgloses und glückliches Leben führen!


Frank seufzte betrübt. Plötzlich reagierten die Vibrationssensoren. Eine Patrouille von Interstell war in unmittelbarer Nähe. Überraschende Razzien waren in dieser Gegend an der Tagesordnung. Auch der Gnerz spürte die drohende Gefahr. Mit einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, sprang er auf, öffnete die Hintertür und verschwand ins Dunkel. Frank folgte blindlings. Lange bevor die Polizeipatrouille in die Spelunke kam, befand sich das Duo schon bei den Raumkreuzern. Ohne ein weiteres Wort trennten sich die beiden. Sie würden zum vereinbarten Zeitpunkt Kontakt aufnehmen. Und Frank würde seinen Auftrag zuverlässig erfüllen.


Anderntags wurde auf der Erde der Thought-Master der Weltöffentlichkeit präsentiert. Eine ganze Armada von Werbestrategen der Letni-Company hatte seit Monaten auf diesen Termin hingearbeitet. In Fachkreisen war von einer Menge Geld die Rede, die Frank Letni in dieses Projekt gesteckt hatte.


Gegen einen unvorstellbar hohen Betrag war es gelungen, das Weiße Haus eigens für das Spektakel zu mieten. Die amerikanische Flagge wehte stolz neben der Flagge der Letni-Company im Wind, als Pauken und Trompeten erschallten und der Sprecher der Firma auf dem Rasenvorplatz ans Mikrofon trat. „Meine Damen und Herren“, rief er dem Publikum zu. „Meine Damen und Herren draußen in der Welt“ ‒ damit wandte er sich den unzähligen Fernsehkameras zu, die das Ereignis weltweit übertrugen. „Zum wiederholten Mal ist es unserer Firmengruppe gelungen, eine Innovation zu präsentieren, die die Geschicke der Menschheit vollkommen verändern wird. Nach unseren bahnbrechenden und revolutionären Erfindungen im Bereich der Kommunikationstechnologie und der Einführung des weltweiten elektronischen Netzes präsentieren wir Ihnen heute als konsequente Weiterentwicklung den Thought-Master.“ Das Publikum applaudierte begeistert.


Der Sprecher trat zur Seite. Ein Mann und eine Frau, ganz schwarz gekleidet, betraten die Grünfläche. Beide hatten das helmartige Interface des Thought-Masters angelegt. Mit sorgfältig einstudierten synchronen Bewegungen ließen sich die beiden auf die mit dem Logo der Letni-Company bedruckten Liegen nieder. Eine riesige Illuminationswand leuchtete auf. Im Hintergrund erklangen die ersten Töne einer synthetischen, aber gefälligen Musik. Die Dioden der Interfaces begannen zu blinken. Sofort fielen die beiden Probanden in einen tranceartigen Schlaf.


Zu der leise plätschernden Musik gesellte sich eine angenehme Stimme. „Sie befinden sich im Reich der Sinne. Verlassen Sie Ihren Körper. Lassen Sie die alte Welt mit ihren Gebrechen und Unzulänglichkeiten hinter sich zurück. Die virtuelle Realität ist Wirklichkeit geworden. Bewegen Sie Ihren Geist in ungeahnte Dimensionen. Die virtuelle Welt ist unsere Zukunft.“


Auf der Wand erschien das Portal der Letni-Company. Die Silhouetten des Probandenpaars kamen ins Bild und bewegten sich auf ein überdimensionales Tor zu. Die Frau nahm den schweren Klopfer und schlug ihn einige Male fest dagegen. Das Portal öffnete sich. Kindliches, fröhliches Lachen drang heraus. Die Frau trat ein, der Mann folgte. Die Stimme ertönte erneut. „Willkommen in der virtuellen Welt der Letni-Company. Jeder gestaltet sein Leben nach seinen Vorstellungen. Entdecken Sie die virtuelle Zukunft schon heute!“ Die Kamera bewegte sich um ein Gebäude herum, das ständig seine Form änderte und die Vielfalt der neuen Möglichkeiten erahnen ließ.


Kaum einer im Publikum konnte dem Drang widerstehen, den beiden Probanden zu folgen. Wieder öffnete sich die große Tür und entließ die beiden in die reale Welt. Die Tür, die soeben einen Spalt weit Einblick in die virtuelle Welt der Letni-Company gegeben hatte, schloss sich, die Illuminationswand erlosch. Die beiden Testpersonen erwachten. Sie nahmen das Interface ab und verbeugten sich unter dem frenetischen Beifall der Menge.


Am nächsten Tag war die Vorstellung des Thought-Masters die Sensation in den großen Zeitungen. Die Kommentatoren überschlugen sich mit der Schilderung der Visionen, die das virtuelle Zeitalter mit sich bringen würde. Vorbei die Zeit, die die Menschen in ihren Möglichkeiten beschränkte. Die Alten würden jung, die Kranken gesund, die Armen reich werden.


Kaum vorstellbar, welches Potential die Letni-Company eröffnete. Bald würde es jedem möglich sein, in seiner eigenen virtuellen Welt zu leben, sich darin zu bewegen und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Schier unendlich waren die Möglichkeiten, die sich aus der neuen Technik ergaben!


Unmittelbar nach der Präsentation begann der Verkauf der Thought-Masterinterfaces. Jedem, der Zugang zum elektronischen Netz hatte, war es mit geringem Aufwand möglich, eine Verbindung zur künstlichen Welt der Letni-Portals herzustellen. Vor den Verkaufsräumen der Letni-Company gab es lange Schlangen. Kaum einer konnte sich dem Reiz der neuen Technologie entziehen.


Knapp ein halbes Jahr später saß Frank Letni in seinem Büro im obersten Stockwerk seines Wolkenkratzers und zog Bilanz. Alles verlief nach Plan. Gleich nach der Vorstellung des Thought-Masters hatte er die Technologie freigegeben. Was hatte sich bis heute alles daraus entwickelt! Sex, Business und Religion dominierten zwar die Wünsche, aber auch Anbieter für alle erdenklichen Kategorien des Lebens schossen wie Pilze aus dem Boden.


Jeden Tag verdoppelte sich die Zahl derer, die über den Thought-Master die neue Welt besuchten. Schon jetzt hielt sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung länger in der virtuellen als in der realen Welt auf. Manche kehrten nur noch für kurze Zeit in die physische Welt zurück, wenn die Recall-Funktion des Thought-Masters auf der Erfüllung des Mindeststoffwechselbedarfs des Körpers bestand.


Frank Letni begann, seine Koffer zu packen. Eine bedeutende Zahlung war bereits auf seinem interstellaren Konto eingegangen. Seine Aufgabe war erledigt. Die Sensoren meldeten pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt das Herannahen des Raumschiffs des Gnerzes. Morgen würde es unsichtbar für die primitiven Radarschirme der Erdbewohner in den Orbit einschwenken. Die Koordinaten des nächsten Zielobjekts hatte der Gnerz vor Tagen übermittelt. Die Aufgabe, die ihn als Nächstes erwarten würde, war bedeutend schwieriger. Die dortige humanoidenähnliche Bevölkerung befand sich auf einem noch primitiveren Stand, als er ihn hier angetroffen hatte.


Als das Raumschiff mit dem Gnerz an Bord die Erde erreichte, war Frank Letni längst verschwunden. Der völlig ausgehungerte Gnerz war kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Ohne zu zögern, koppelte er sich in das elektronische Netz des Wirtsplaneten ein. Mit Genugtuung stellte er fest, dass Frank Letni ganze Arbeit geleistet hatte. Fast ohnmächtig vor Hunger begann der Gnerz, seine klebrigen Fäden zu weben und ein fein gewobenes Netz um die schutzlosen Portale der Humanoiden zu spinnen.


Noch in der gleichen Nacht begann der Gnerz, in unbändiger Gier die Seelen seiner armen, unglücklichen Opfer auszusaugen.