Das Glück. 

Harry duckte sich an den rauen Felsen. Ein schneidender, kalter Wind pfiff ihm in Orkanstärke um die Ohren. Mit dem Aufkommen der ersten Böen waren die Quadrokopter, die ihn verfolgten, den Elementen hilflos ausgeliefert und hatten abgedreht. Einer aus der Meute war von einem Windstoß erfasst und gegen die Felswand geschmettert worden. Mit gebrochenem Rotorgestell, von einem Moment auf den anderen flug- und bewegungsunfähig, trudelte er kopfüber um die eigene Achse und verschwand krachend in den Untiefen der unwirtlichen Bergregion.

Harry war auf der Flucht. Geflohen aus Nothing, wie die Anstalt von ihren Insassen genannt wurde. Geflohen aus einer Umgebung, die es eigentlich gar nicht gab und die allein schon aus diesem Grund als unentrinnbar galt. Es war nicht so, dass Harry Hilfe erhalten hätte. Wer in Nothing lebte, hatte von niemandem Hilfe zu erwarten. Denn in Nothing waren all diejenigen untergebracht, bei denen das BIOS, das jeder Mensch bei seiner Geburt in den Gebäranstalten verabreicht bekam, nicht anschlug. BIOS ‒ darunter verstand man in der zivilisierten Welt das Biologic Information Orientation System. Nicht, dass die Ausfall-Quote besonders hoch war. Knapp 100 Betroffene pro Jahr bei 2 Milliarden menschlichen BIOS-Trägern auf der ganzen Erde waren ein nahezu perfekter Wert.

Jedes einzelne BIOS wurde vom Glück kontrolliert. Wer oder was das Glück war, das war in Vergessenheit geraten. Vor hunderten von Jahren war es als allumfassendes und allwissendes Computersystem erfunden und damals als Rettung der Menschheit gefeiert worden. Immerhin bewegte sich die Gesamtzahl der Menschen inzwischen auf einem vernünftigen Niveau. Kriege und gewalttätige Auseinandersetzungen waren ein Relikt der Geschichte, Krankheiten waren nahezu ausgerottet. Die großen, weltbewegenden Entscheidungen wurden vom Glück auf nachvollziehbarem, demokratischem Weg getroffen, soweit dies möglich war. Alles in allem eine positive Bilanz und ein absolutes Erfolgsmodell, wären da nicht die jährlich etwa 100 Querulanten gewesen, bei denen das BIOS versagte. Entweder, weil es bei ihnen generell nicht anschlug (das waren die schlimmsten Fälle) oder weil das BIOS bedingt durch Unfälle oder sonstige pathologische Umstände seinen Dienst einstellte. Zumindest funktionierte die Funktionsfehlererkennung bei diesen Individuen zweifelsfrei. Und auch die unverzügliche Problembehebung durch die spezielle BIOS-Polizeieinheit, wie Harry am eigenen Leib erfahren hatte.

Möglicherweise hätte es sogar Wege gegeben, ein BIOS im Erwachsenenalter zu reparieren oder nachträglich einzupflanzen, doch hatte man vor Jahrhunderten die Entwicklung des Systems abgeschlossen und sich darauf verständigt, die geringe Anzahl Andersartiger und das damit für sie verbundene Schicksal der Verbannung in Kauf zu nehmen. Nach wie vor funktionierten die Scans zuverlässig und alles in allem war es eine einzige Erfolgsgeschichte.

Doch eines Tages war Harry zu einer angeblichen Routinekontrolle abgeholt worden. Man hatte kein langes Federlesen gemacht. Mit Medikamenten ruhiggestellt wurde er nach Nothing gebracht. Die Diagnose wenige Stunden nach der Einlieferung lautete „unbekannte genetische Disposition“. „Sie sind ein Risiko“, hatte der Medizinavatar ihm verkündet. „Ein Risiko für die Zukunft der Menschheit.“ Immerhin erlaubten die Statuten ein Weiterleben in Nothing, zwar mit allen Annehmlichkeiten wie abwechslungsreichen Mahlzeiten, Sport- und Bewegungsmöglichkeiten sowie Kontakt zu Avataren. Jedoch für immer isoliert und ohne Kontakt zur humaniden Gesellschaft, zu der sich Harry bis zu jenem verhängnisvollen Morgen gezählt hatte. 

Eine Flucht aus Nothing war praktisch unmöglich. Die Sicherheitsvorkehrungen waren sehr streng und vielfältig. Selbst wenn ihm zunächst die Flucht gelungen wäre, so wachte hinter den Mauern eine ganze Armada von Kampfrobotern, Drohnen und Avataren, um seiner wieder habhaft zu werden. Keine guten Voraussetzungen, um einem solchen Gefängnis zu entrinnen.

Nach langen Jahren in Nothing hatte Harry die Hoffnung auf ein normales Leben unter Menschen aufgegeben. Und dennoch war ihm nun die Flucht geglückt! Eine Verkettung scheinbarer Zufälle hatte ihm wie durch ein Wunder vor einem Monat die Türen geöffnet. Sie standen morgens einfach offen und niemand hinderte ihn an der Flucht. Keine Menschenseele, keine Wärter und auch keine Avatare waren zu sehen, als er den Gefängnishof betrat. Die schweren Eisentore waren geöffnet, selbst die Durchgänge zu den mehrfach gesicherten Absperrungen waren frei.

Er hatte die Gunst der Stunde genutzt und bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel langsam die Tore durchschritten. Zunächst hatte er befürchtet, auf der Flucht hinterrücks erschossen zu werden, aber nichts geschah.

Planlos folgte er der Landstraße, bis ein reißender Fluss ohne Brücke den Weg kreuzte. Er wandte sich von der Straße ab und bewegte sich nun deutlich langsamer durch wilde Natur. Gegen Nachmittag hatte er Nothing weit hinter sich gelassen. Das Gelände war leicht hügelig und bewaldet. Auf einer Wiese machte er Rast. Äpfel, Birnen und Beeren waren seine erste natürliche Mahlzeit seit langem. Wie sehr hatte er die künstliche Nahrung mit Tabletten und aus Tuben im Nothing gehasst. Nachdem er sich nochmals vergewissert hatte, dass keine Verfolger zu sehen waren, beschloss er, sich für die Nacht einzurichten. Blieben die ersten Stunden und Tage seiner Freiheit in seinem Gedächtnis, so folgten weitere Tage mit gleichem Ablauf und ohne Erinnerung. Bei Sonnenaufgang wandte er sich nach Westen, um sich gegen Sonnenuntergang ein Nachtlager zu suchen. Immer weiter folgte er in den nächsten Tagen seiner Eingebung durch die unberührte Natur. Nothing, so hatte man ihm erzählt, lag fernab jeder Zivilisation. Er folgte seiner Eingebung, zunächst eine ausreichende Strecke hinter sich zu bringen und sich dann an einem geeigneten Ort ein dauerhaftes Versteck zu suchen.

Die erste Zeit war hart und entbehrungsreich. Harry kämpfte ums nackte Überleben. Das Wetter schlug um. Tagelangem heftigem Regen folgte erbarmungslose Hitze. In einer bergigen Landschaft fand er eine Höhle und richtete sich dort eine provisorische Unterkunft ein. Mehr als einmal war er der Verzweiflung nahe, fiel bei Anbruch der Dunkelheit in einen traumlosen Schlaf und wachte am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang zitternd vor Kälte auf. Er wurde krank, fieberte tagelang auf einem Lager aus Laub und getrocknetem Gras, um allmählich wieder zu gesunden. Seine Nahrung bestand aus Früchten vom Wegrand, Pilzen und Nüssen und zuletzt gelang es ihm sogar, mit Steinen Funken zu schlagen und endlich ein wärmendes Feuer zu entzünden. Erschöpft vor Entbehrung nutzte er den Schutz der Höhle, um wieder zu Kräften zu kommen.

Als er eines Nachmittags gerade Jagd auf Kaninchen machte, vernahm er das vertraute Geräusch von Quadrokoptern. Knapp ein Dutzend Kampfkopter tauchten am Horizont auf. Dass sie es auf ihn abgesehen hatten, daran zweifelte er keine Sekunde. Der Weg zurück zu seiner Höhle war ihm bereits versperrt, so blieb ihm nur die schier aussichtslose Flucht auf die Anhöhe. Einzig das aufkommende Unwetter weckte in ihm die Hoffnung, seinen Verfolgern entfliehen zu können. Rasch erklomm er die Anhöhe. Wenn er es auf einem Grat über den ungeschützten Bergrücken schaffen würde, hätte er eine reelle Chance, in den dichten Nadelwald auf der anderen Seite zu entkommen. Der Sturm nahm an Stärke zu. Harry presste sich dicht an die Wand und balancierte über den Abgrund. Der erste Quadrokopter war am Fels zerschellt. Vorsichtig riskierte Harry einen Blick, als ihn das Netz der Jäger traf, ihn einschloss und ihn in die Höhe riss. Dann verlor er die Besinnung.

Nur langsam erlangte er das Bewusstsein wieder. Wie aus einem Alptraum erwachend sah er sich um. Die Zivilisation hatte ihn unzweifelhaft wieder. Er saß auf einem bequemen Ledersessel in einem Raum weit über den Dächern der Hauptstadt der Zivilisation. Seine zerschlissenen Kleider waren durch einen sauberen Overall ersetzt worden. Er blickte sich um. Vermutlich befand er sich in einem der Regierungsgebäude, unzweifelhaft im Tower, der Schaltzentrale der Glücks. Doch welches Interesse sollte das Glück daran haben, sich ausgerechnet mit ihm und seinem Schicksal zu befassen? Mit ihm, einem ohne ein funktionierendes BIOS?

Er drehte sich mit dem Sessel aus der blendenden Sonne und erblickte wie aus dem Nichts ein altersloses menschliches Wesen in einem grauen Anzug und einem schwarzen Rollkragenpullover vor einem geöffneten Fenster. Ein sympathisches Gesicht lächelte ihn an.

Harry bewegte vorsichtig Arme und Beine. Dann sprang er blitzschnell aus dem Sessel, warf sein ganzes Gewicht nach vorn und stieß das Wesen durch das offene Fenster. Jedoch blieb ihm keine Zeit zur Flucht. Keine Sekunde später wurde er unsanft gepackt und verlor erneut das Bewusstsein.

Wieder erwachte er und wieder sah er die Gestalt am offenen Fenster. „Wer sind Sie?“, fragte Harry zornig. „Was wollen Sie von mir?“

„Ich bin das Glück“, antwortete das Wesen. „Ihr Glück, unser aller Glück!“ Harry versuchte, sich aus seinem Sessel zu erheben, doch diesmal hielten ihn unsichtbare Fesseln zurück.

Das Glück blieb freundlich. „Hören Sie, Harry“, sprach das Wesen. „Sie können mich nicht töten. Ich bin ein Avatar. Ein künstliches Wesen, durch das ich, das Glück, als virtuelle Intelligenz der Jahrhunderte zu Ihnen spreche.“

Harry zerrte wütend an der unsichtbaren Umklammerung. „Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen“, zischte er, „sofort!“

Das Glück nickte. „Ja, Harry. Ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte. Wir haben Sie gezielt ausgewählt, denn Sie sind die letzte Hoffnung der Menschheit. Sehen Sie, Harry: Über das BIOS halten wir, die virtuellen Intelligenzen in den Zentralcomputern, Kontakt mit den Menschen. Der Menschen Wille ist unser Wille. Wir sind das Glück. Wir entscheiden nicht darüber, sondern nehmen die Wünsche der Menschen entgegen und versuchen, sie zu erfüllen.

Harry schnaubte. „Und was habe ich damit zu tun?“

Das Glück lächelte. „Vor ein paar Jahren hat sich die Menschheit für die absolute Gleichheit ausgesprochen. Nachdem Frieden und Wahrheit erreicht waren, wollte man Gleichheit in allen Belangen. Wir, die Intelligenzen, hinterfragen diese Entscheidungen nicht, sofern sie nicht gegen die Tugenden verstoßen. Und Gleichheit ist eine Tugend!“

Harry zuckte nur gleichgültig mit den Achseln.

„Die Menschen haben also über das BIOS für die Gleichheit gestimmt. Wir haben diese Entscheidung umgesetzt, das BIOS hat die notwendigen Botenstoffe ausgesandt, die Gleichheit ist nun erreicht“, fuhr das Glück fort.

„Ja und?“, fragte Harry, sichtlich gelangweilt.

„Nun“, sagte das Glück, „es gibt seit einer Generation keine Männer und Frauen mehr. Der Gender als höchstes Ziel ist erreicht. Die Gleichheit ist für diese Generation endgültig umgesetzt. Wir haben zwar davor gewarnt, aber sie wollten nicht auf uns hören. Es gibt keine Reproduktion mehr, denn sie ist biologisch nicht möglich. Das hehre Ziel ist vollbracht, die jetzige Generation die letzte, die von dieser Kultur übrig bleiben wird.“

„Erzählen Sie mir keine phantastischen Geschichten!“, schrie Harry. „Sie lügen mich an!“ „Nein“, antwortete das Glück traurig. „Es ist die Wahrheit. Aber“, fuhr es fort, „bevor auch wir, die Intelligenzen, die wir uns nur aus den Menschen definieren, endgültig verschwinden, haben wir einen Plan entwickelt, der den Fortbestand der Menschheit sichern wird. Und“, sprach das Glück eindrücklich weiter, „das werden die unbeeinflussbaren Menschen sein. Menschen wie Sie, Harry. Ohne BIOS! Sie werden den Neuanfang wagen.“ Harry brüllte zornig auf und versuchte, sich von den Fesseln zu befreien.

Das Glück zögerte nur kurz. „Harry, wir haben Sie ausgewählt. Sie und die restlichen anderen, die es geschafft haben, in der Wildnis zu überleben. Glauben Sie mir. Es haben nicht alle die Prüfung bestanden. Aber Sie, Harry, Sie haben es geschafft! Harry, ich gratuliere Ihnen. Sie werden die Zukunft der Menschheit sein!“

An diese Worte konnte sich Harry noch erinnern, als er mitten in einer ihm unbekannten Waldlichtung zu sich kam. Wütend richtete er sich auf, blickte sich um und stieß einen verzweifelten Schrei aus. Nicht einmal eine Notfallration, geschweige denn ein Überlebenspaket hatten sie ihm mitgegeben!

Kälte und Hunger erinnerten ihn daran, dass er nicht ewig hier sitzenbleiben konnte. Plötzlich und unverhofft drang eine Stimme an sein Ohr. Eine menschliche Stimme. Eine weibliche Stimme. Eine weibliche Stimme, die um Hilfe rief. Harry seufzte tief und versuchte, sich gegen den erwachenden Beschützerinstinkt zu wehren. Vergeblich. „Hallo“, rief er zaghaft. „Hallo, wo sind Sie?“ Schon etwas lauter.

Und das Unheil begann erneut. !